Rezension zur Wiederveröffentlichung von SEXY BEAST durch 'Universum Film':
Bei Jonathan Glazer's Regiedebüt SEXY BEAST aus dem Jahr 2000 handelt es sich um einen wirklich schrägen Film. Der gebürtige Londoner Glazer, der zuvor Werbespots (z.B. Wrangler, Guiness, Volkswagen) und Musikvideos (u.a. für Massive Attack, Jamiroquai, Radiohead & Nick Cave) produzierte, bewies mit dieser Filmproduktion ein untrügliches Gespür für Skurrilität (bis hin zum Absurdum), das zwar nicht zum finanziellen Erfolg geführt haben soll, dafür Beachtung bei diversen Film-Festivals fand. Immerhin qualifizierte sich der Film für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" für Ben Kingsley's unglaubliche, dabei einmalige Darbietung.
SEXY BEAST zeichnet sich aus durch schräge Charaktere, heftige Situationen und eine derbe Sprache ... "Wo ein Sc***ß Wille ist, ist auch ein Sc***ß Weg!" ist lediglich eine markanter Kernthese - all diejenigen, die auf genau diese Art verbaler Entäußerungen bestens verzichten können, sollten von SEXY BEAST Abstand nehmen, denn in dieser Manier startet der Film bereits und die Linie wird konsequent fort geführt. Für alle Interessierten ist die Sprache allerdings noch gar nichts, im Vergleich zur Personifizierung einiger Figuren, dabei vordergründig zunächst Don Logan, gespielt von Ben Kingsley. Vom ehemaligen Ghandi ist hier keine Spur mehr zu finden, Don Logan tritt provokant, beleidigend, aggressiv, arrogant, dominant, hartnäckig, unberechenbar, brutal und somit respekt- und sogar furchteinflößend auf, dies nicht zuletzt wegen seiner Zugehörigkeit zum System, für das er tätig ist: Die 'Upper Class' der Londoner Unterwelt - unterm Strich ist der 'kleine Giftzwerg' letztlich ein cholerischer, z.T. infantiler, dabei dennoch intelligenter Psychopath. Trotz seines Namens ist Logan nicht der uneingeschränkte 'Don', sondern eher 'der Mittler' ... die wirklich 'coolen Typen' sind Leute wie Stan Higgins und Teddy Bass (Ian McShane). Und die planen einen verwegenen Coup: Das Ausräumen eines angesehenen Londoner Instituts, das über eines der modernsten Sicherheitssysteme Europas verfügt und hinter dessen meterdicken Stahlwänden daher in Schließfächern wertvollste Schätze eingelagert sind - dafür werden acht routinierte Profis benötigt. So ein Profi, aufs Knacken von Tresoren spezialisiert, ist Gal Dove (Ray Winstone), doch der hat sich aus dem Geschäft längst zurück gezogen und in Europa's Süden abgesetzt ... und so beginnt der Film ...:
Gal ist "sc***ß heiß", denn er läßt sich Spanien's Sonne auf den nicht weg zu leugnenden Bauch scheinen. Ihm geht's gut, er lebt in einer kleinen Villa mit Swimmingpool, hat das graue London längst hinter sich gelassen, ebenso wie seine besten Jahre ... und bevor er sich nun absehbar der Senioren-Altersklasse nähert, ist nur noch 'Dolce Vita' angesagt: Sonnen, essen, Bier trinken, schwimmen und seine Frau Deedee (Amanda Redman), ein ehemaliger Porno Star. Doch Spanien's Idylle, die Gal und Deedee mit Jackie (Julianne White) und Aitch (Cavan Kendall), einem befreundeten, ebenfalls aus dem Londoner Milieu stammenden Paar, teilen, wird bereits innerhalb der ersten 10 Minuten des Films getrübt: Nachdem Gal ein anrollendes, dabei im wahrsten Sinne des Wortes über ihn hinweg rollendes Unglück überlebt hat, rollt auf vier Rädern schon das nächste an: Don Logan ist unterwegs zu Gal's Villa, um ihm mitzuteilen, daß man sich in London auf seine Teilnahme beim Einbruch verläßt. Die Stimmung der zwei Paare sinkt auf den Nullpunkt, als sie von Logan's Anreise erfahren und noch darunter, als Don Logan dann eintrifft - er beherrscht die Szene, wohlwissend um seine Wirkung und wie vorsichtig und dennoch unmißverständlich Gal ihm auch verdeutlicht, daß er sich doch lange im 'Ruhestand' befindet: Don Logan kann und will ein "Nein" nicht akzeptieren! Dennoch muß er unverrichteter Dinge in Richtung Flughafen wieder abziehen. Dorthin begibt sich am nächsten Tag auch Gal, für den sich zwischenzeitlich nun doch gute Gründe ergeben haben, - wenn auch widerwillig - nach London zu fliegen und tatsächlich am großen Coup mitzuwirken. Stan und ganz besonders Teddy wundern sich vor Ort allerdings, warum Don Logan, den sie selbst nach Spanien geschickt hatten, jetzt nicht dabei ist und ebenfalls darüber, daß dieser seit dem Vortag auch nichts mehr von sich hören lassen hat. Gal fühlt sich nicht wohl, denn er weiß, daß Teddy, nachdem die Schließfächer erst einmal ausgeräumt wurden, nicht aufhören wird, ihn mit Fragen zu Logan's Verbleib zu löchern, auf die er (= Gal) ihm einfach keine Antworten liefern kann. Und Teddy Bass ist kein Choleriker wie Logan, sondern eher der Typ, der einem, noch mit einem Grinsen auf den Lippen, in die Augen sieht, während er den Abzug einer Schußwaffe betätigt ... wird Gal Spanien's Sonne jemals lebend wieder sehen ... ?
Der Film wird zuweilen als Krimi-Komödie betitelt, was nur bedingt zutrifft: Die Elemente von beidem sind unübersehbar vorhanden, dies allerdings überwiegend wechselwirksam. Belustigend wirken am ehesten die Überspitzungen absurder, degenerierter Szenarios (inkl. Sprache) dazu gehört u.a. irgendwann auch Kingsley's Performance sowie das Erscheinen einer Kreatur, halb Mensch, halb Tier (das muß man gesehen haben). Doch Augenblicke des Amusements entkräften dabei keinesfalls die ernsteren Krimi-Momente, die knallhart für sich stehen - der Charakter einer Kriminalkomödie, im Sinne eines Klichées, ist nicht gegeben. Man fühlt sich zuweilen ein wenig an David Lynch und Quentin Tarantino erinnert, doch obwohl es so aussieht, als hätte Jonathan Glazer (oder die Drehbuchautoren Louis Mellis und David Scinto, bzw. auf dem Vorwege bereits der eigentliche Autor Andrew Michael Jolley) den beiden Meistern in einigen Szenen tatsächlich seine Referenz erweisen wollen, steht SEXY BEAST eindeutig für sich - der Film wird Lynch- und Tarantino-Fans entgegen kommen, stellt dennoch keinen müden Abklatsch dar. Das liegt zu einem Teil an der Art der Kameraführung/an optischen Effekten und mindestens ebenso am Schnitt, der sich besonders in zwei signifikanten Szenen ausgesprochen begünstigend auf die filmische Erzählung auswirkt. Neben Ben Kingsley's extravaganter Rolle überzeugt auch Ray Winstone in einer genau gegenteiligen, hervorragend sind außerdem Ian McShane und Amanda Redman in ihren Personifizierungen (in einer der ebenfalls gut besetzten Nebenrollen ist auch James Fox zu sehen). In seiner Gänze wirkt der Film wie eine gelungene Collage, die, außer der dominanten Crime-Komponente (Heist- und Mafia Filmelemente) eine Menge weiterer Teilaspekte enthüllt: In kurzen Sequenzen wird die Tiefe von Gal's und Deedee's Empfindungen zu einander autenthisch dargestellt, in einer anderen Szene sehen wir Gal und Don Logan - jenseits der Meinungsverschiedenheiten - bei einem Drink in ein Männergespräch vertieft (das für Enthüllungen von Logan's Seite aus sorgt), durch einen seltsamen Traum von Gal entsteht aber auch kurzfristig ein surrealer Eindruck, zumal er sich realitätsübergreifend auswirkt. Der große Coup erscheint dem 'erprobten' Cineasten dann wie eine moderne Fortführung des seinerzeit bereits gewagten Unternehmens in dem französischen Filmklassiker RIFIFI von Jules Dassin und die eigenwillige Schlußszene schafft durchaus Raum für mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Entsprechend facettenreich erklärt sich somit auch der Soundtrack: Neben treibenden, von Elektronik durchsetzten Beats sind u.a. ebenfalls Henry Mancini (mit "Lujon"), die Stranglers (mit "Peaches"), die Gibson Brothers (mit "Cuuuuuba") oder Dean Martin (mit "Sway") zu hören.
Die DVD, die nun am 4.6.2010 durch Universum Film veröffentlicht wird, scheint, bei ein wenig komprimierten Extras, identisch mit der vormaligen Veröffentlichung durch Universal zu sein - man kann sich den Film demgemäß bei Interesse auch in englischer Originalsprache ansehen.
SEXY BEAST entstand in britisch/spanischer Co-Produktion, darf aber als weiterer Beitrag des moderneren Brit-Cinemas gesehen werden, der allemal mit den, im weiteren Sinne, genreverwandten Filmen GANGSTER NO. 1 und selbst A MURDER BALLAD mithalten kann. Bedauerlicherweise wurde auch Jonathan Glazer's zweiter Film BIRTH (2004) kein großer Erfolg und seither ist's scheinbar still um diesen Regisseur geworden. Dabei macht SEXY BEAST Lust auf mehr - ein origineller Film, den man bestimmt nicht jedem empfehlen kann, der aber längst seine eigene Fan-Gemeinde hat ... zurecht!
-- theSilentNoirFreak