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Sexueller Missbrauch?


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1-9 von 9 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 05.09.2007 11:23:07 GMT+02:00
Helga Kurz deutet in ihrer Rezension an, dass Florence sexuell missbraucht worden ist. Auch ich hatte im Verlauf des Buches den Eindruck, dass ihr gestörtes Verhältnis zur Sexualität evtl. daher rühren könnte, dass ihr Vater sie im Teenageralter vergewaltigt hat. Im Text gibt es zwei Textstellen, in denen die junge Florence mit ihrem Vater allein die Wochenenden verbringt. Ich frage mich jedoch, ob das ausreicht, um auf einen sexuellen Missbrauch zu schließen. Sicher bin ich mir nicht, obwohl es vieles erklären würde. Was denken die anderen?

MfG

Michael

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.09.2007 17:15:57 GMT+02:00
Apicula meint:
Ich habe diese Andeutungen - ganz spontan gesagt - so aufgefasst und lange noch nachher beim Lesen nach "Bestätigungen" gesucht. Mir sind dabei Stellen (Szenen) im Sinn, wo Florence mit ihrem Vater auf Reisen war. - Es erklärt meines Erachtens sehr viel an Sprachlosigkeit und dem VErsagen an offener Kommunikation (der beiden) in diesem Roman. Zwar werden Beide sehr klug charakterisiert, on the other hand wird viel "Eigenleben" der Figuren verschwiegen. So, wie über "Sex" im allgemeinen in dem Roman bezeichnend wenig (an Begrifflichkeiten insbesondere) zu lesen ist. Totgeschwiegen!?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.09.2007 11:24:57 GMT+02:00
kfir meint:
Ich habe während meiner Lektüre eine solche Anspielung nicht herauslesen können, habe aber auch nicht explizit danach gesucht. Werde es im Hinterkopf behalten, wenn ich das Buch irgendwann noch einmal lese.
Ich möchte behaupten, dass es nicht zwingend zum sexuellen Missbrauch kommen muss, wenn ein Vater alleine mit seiner Tochter etwas unternimmt. Weder im reelen noch im literarischen Leben.
Insgesamt möchte ich aber zustimmen, das der Autor in dem Buch viel zu wenig auf des sexuelle Vorleben der Charaktere, insbesondere der Frau, eingeht. Gerade weil das gesamte Buch ja bewusst auf die (Nicht-)Hochzeitsnacht hinarbeitet.
Trotzdem sehe ich das Debakel eher in mangelnder Kommunikation und der tendenziell allem Sexuellen verschlossenen Grundstimmung der Gesellschaft begründet.

my 2 cents

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.09.2007 18:14:46 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 22.09.2007 18:15:42 GMT+02:00
Ich stimme kfir zu - m. E. liegt das "Problem" an mangelnder bzw. mangelhafter Kommunikation. Nun war man in den 60-Jahren auch nicht wirklich darauf vorbereitet, über seine sexuellen Ausrichtungen/Vorlieben etc. zu plaudern, und das gilt ganz besonders für die Frauen. Wurde ihnen denn eine ausgeprägte Sexualität zugestanden - I don't think so! Vielmehr denke ich, dass Florence, da noch so jung und noch nicht "wachgeküsst", ihre eigene Sexualität noch nicht kennt. Hätte sie zehn Jahre später geheiratet, wäre die Geschichte garantiert anders gelaufen. Ich gestehe, dass ich im 3. und 4. Kapitel auch auf dem Dampfer des sexuellen Missbrauchs gereist bin, zumal McEwan den Leser auf dieses erste Mal und auf Edwards Lust hin "eicht". Mittlerweile denke ich, dass es eben auch damals schon verschiedene "sexual animals" unter den Menschen gab - für manche spielt Sex eine große Rolle und für andere eben nicht...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.10.2007 15:08:11 GMT+02:00
Markus Roth meint:
Ich denke auch, daß McEwan Missbrauch andeuten wollte. Florence liegt in einer Szene nackt auf dem Bett im Boot und ihr Vater zieht sich aus. Naiv, hier nur ans Schlafengehen zu denken.
Die hier entstandene Diskussion zeigt allerdings den Wert, den eine sanfte Andeutung im Gegensatz zur expliziten Schilderung in guter Literatur hat.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.11.2007 01:47:01 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.11.2007 01:49:31 GMT+01:00
H. Kaya meint:
Ich finde, dass eindeutig sexueller Missbrauch vorliegt, nicht nur weil Florence und ihr Vater sich anziehen, nein. Höchstwahrscheinlich ist es so, dass die Kälte und der Sarkasmus der Mutter Florence gegenüber evtl. in ihrer "Mitwisserschaft" liegt, die sie interessanterweise mit ihrer "pessimistischen" Philosophie (Schopenhauer, Feuerbach, Kierkegaard) wegrationalisieren will. Und zu bedenken ist auch, wie diese bürgerliche Familie - ohne gross aufhebens zu machen - ihre Tochter sofort mit Edward verheiraten - quasi loswerden - will.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.02.2009 23:49:22 GMT+01:00
Ich finde den folgenden Hinweis (S. 134, nach der Ejakulation Edwards) unmißverständlich:
"Aber da war noch etwas viel Schlimmeres, etwas, das sich ihrer Kontrolle entzog und Erinnerungen heraufbeschwor, die sie schon lange von sich abgetrennt hatte.[...] seine fremdartige, milchige Konsistenz, der aufdringliche Geruch nach Stärke, der die Ausdünstung eines beschämenden, in den muffigen Keller der Erinnerung eingesperrten Geheimnisses heraufbeschwor" - um was für Erinnerungen, wenn nicht an Mißbrauch, soll sich das sonst wohl handeln?
Allerdings muß ich gestehen, daß ich beim ersten Lesen so von den Vorgängen zwischen Florence und Edward gefangen war, daß ich diese Winke mit dem Zaunpfahl tatsächlich zunächst ignoriert hatte.

Veröffentlicht am 15.03.2009 10:12:35 GMT+01:00
Schweinebrot meint:
Auch ich denke, daß Florence sexuell missbraucht worden ist. Meiner Meinung nach einer der wenigen störenden Punkte in diesem Buch. Schließlich muss nicht immer sexueller Missbrauch für sexuelle Verschlossenheit ursächlich sein - gerade wo in diesem Buch ja eigtl. eine in diesem Jahrzehnt noch allgemein sexualfeindliche Umwelt heraufbeschworen wird. Andererseits lesen wir auch von den weit weniger prüden Freundinnen, die zumindest im kleinen Kreise einen freizügigeren Umgang pflegen...

Veröffentlicht am 01.06.2011 23:41:29 GMT+02:00
soleil meint:
Bin ich dankbar, dass das hier endlich erwähnt wird. Ich habe das Buch vor einiger Zeit gelesen und mir jetzt nochmal Rezensionen dazu durchgelesen. Dabei bin ich fast wahnsinnig geworden, weil scheinbar niemand das Offensichtliche erkannt hat. Die Anspielungen sind quantitativ gering, qualitativ dafür aber aussagekräftig. Der Meeresgeruch in der Hochzeitsnacht als Trigger, als zwölfjähriges Mädchen nackt wartend in der Koje etc.
Woran liegt es? Kennen sich die Menschen zu wenig damit aus oder wollen sie es nicht sehen?
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Erster Beitrag:  05.09.2007
Jüngster Beitrag:  01.06.2011

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Am Strand
Am Strand von Ian McEwan (Gebundene Ausgabe - August 2007)
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