Der geringe Text-Umfang des vorliegenden Werkes von 53 Seiten verspricht schon von sich aus keine große Detailliertheit, so ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die Informationen zu den einzelnen Behinderungsarten sehr knapp ausfallen. Es werden zwar auf den ersten 20 Seiten ausführlich medizinische Details, vor allem zur Physiologie der ungestörten männlichen Sexualfunktionen, zur Diagnostik und zu Therapiemöglichkeiten erläutert. Die Frauen kommen mangels medizinischer Eingriffsmöglichkeiten/medizinischem Forschungsinteresse leider wieder mal zu kurz.
Für Laien/Betroffene, die Praktisches erwarten, wird es erst ab Seite 21 interessant:
Da geht es um hinderliche Spastik und wie man sie vermeiden/behandeln kann, um überhaupt ungestörten Verkehr haben zu können. Hier ändert sich auch die Sprache des Buches deutlich von einer medizinisch orientierten zu einer persönlich ansprechenden Sprache.
Von einem Trauer- oder Verarbeitungsprozess eines Betroffenen nach Erleiden z.B. einer Querschnittlähmung wird an keiner Stelle im Buch gesprochen, obwohl schon lange in der Fachwelt bekannt ist, dass es dabei im Verlauf zu heftigen Reaktionen kommen kann (Depressivität, Vermeidung körperlicher Nähe, Vermeidung von Geschlechtsverkehr, vorgreifende Trennungsabsichten usw.).
Im Abschnitt 3.5 werden in fünf Sätzen psychotherapeutische Interventionen abgehandelt, wobei die Autoren in knapper Form und eher abwertend über Möglichkeiten von Paar-und Einzelberatung durch Psychotherapeuten sprechen, obwohl vorweg davon gesprochen wird, dass geschätzt 10 bis 20 Prozent der Erektionsstörungen als psychisch bedingt angesehen werden.
Die Ergebnisse einer im Buch dargestellten Befragung sind äußerst fragwürdig: von 250 Fragebögen haben genau acht Betroffene (!) mit einer Querschnittlähmung geantwortet, dabei haben 99 Prozent der Männer angegeben, keine Probleme bei der Erektion zur haben, 99 Prozent sind verheiratet. Das sind sicherlich keine repräsentativen Ergebnisse und man fragt sich, warum so etwas überhaupt veröffentlicht wurde.
Im letzten Drittel des Buches widmen sich vier Seiten den Problemen Betroffener mit Querschnittlähmung:
Zunächst eine Schilderung der Besonderheiten bei einer Querschnittlähmung, wobei der anfängliche Trauerprozess nicht geschildert wird. Immerhin gibt es dann eine ausführliche Schilderung des ausbleibenden bzw. veränderten Orgasmuserlebens.
Das Thema der Erektion wird extrem verkürzt auf 10 Zeilen dargestellt; es wird hier weder auf die besondere Problematik der zu kurzen (ein bis zwei Minuten) Reflexerektion bei vielen spastisch Gelähmten eingegangen, noch auf die ungenügende Qualität der psychogenen Erektion bei den tiefer Gelähmten mit den damit verbundenen Problemen. Das sind Besonderheiten, die inklusive Therapiemöglichkeiten unbedingt Erwähnung finden müssten!
Im Gegenteil verstecken sich in der Verkürzung Unwahrheiten, die den Betroffenen irritieren dürften: „...Diese so genannten Reflexerektionen sind meistens von guter Qualität und ermöglichen den Koitus...." Genau das Gegenteil beklagen Betroffene.
Auch im Abschnitt zur Ejakulation finden sich stark verkürzte, z.T. falsche Aussagen:
"...die Ejakulation wird bei vielen Querschnittgelähmten nur durch Masturbieren erreicht...„ - bei sehr vielen Querschnittgelähmten wird eine Ejakulation überhaupt nicht erreicht oder wenn, durch spezielle medizinische Maßnahmen.
Dann folgt eine halbe Seite zu querschnittgelähmten Frauen, wobei nicht berichtet wird, dass sich viele Frauen anfangs bei fehlender oder stark gestörter Sensibilität einen Orgasmus überhaupt nicht vorstellen können, und dass es ein längerer Prozess ist, in dieser Hinsicht umzudenken.
Schließlich fehlt der Hinweis, dass eine natürliche Geburt bei einer querschnittgelähmten Frau je nach Lähmungshöhe früher einsetzen kann als bei einer Nichtgelähmten, die Indikation für einen Kaiserschnitt jedoch viel zu oft getroffen wird als es eigentlich nötig wäre. Auch Hinweise auf die Möglichkeiten des Stillens bei allen Lähmungen tiefer als Th 5 sucht man vergeblich.
Ab Seite 49 wird auf zweieinhalb Seiten das Thema Kinderwunsch angegangen:
In diesem Kapitel fehlen beispielsweise die mit „ Hausmitteln" vom Paar selbst durchführbaren Methoden der Befruchtung: die Einspritzung von Samen direkt in die Scheide, das Einfüllen von Samenflüssigkeit in ein Pessar und Aufsetzen auf den Gebärmutterhals, sowie als drittes die Methode, ein spezielles Pessar mit Schlauchansatz einzuführen und Samenflüssigkeit einzuspritzen. Andere Möglichkeiten, die spezieller medizinischer Hilfe bedürfen, werden beschrieben.
Das gesamte Kapitel Kinderwunsch ist für medizinische Laien schwer verständlich, da es dort, wo es um künstliche Befruchtung geht, nur so von Fachbegriffen in Medizin-Latein wimmelt. Es fehlen hier auch deutliche Hinweise, dass zum Beispiel eine begleitende psychologische Paarberatung sinnvoll ist, um die im Zuge mehrerer erfolgloser Zyklen einer künstlichen Befruchtung auftretende Spannungen zwischen dem Paar aufzufangen. Die örtlichen Kinderwunschpraxen haben hierzu ausreichend Erfahrung und bieten die Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten an. Das wäre erwähnenswert gewesen, um die zu erwartenden Schwierigkeiten nicht zu bagatellisieren.
Es fehlen schließlich Hinweise auf die Möglichkeit des Einfrierens von Samenflüssigkeit und/oder von Zellgewebe aus dem Hoden. Ebenso würde man sich als Betroffener wünschen, dass zumindest in aller gebotenen Kürze dargestellt wird, welche realistischen, zu erwartenden Chancen die künstliche Befruchtung nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Stand hat, denn ein Wundermittel ist die künstliche Befruchtung nicht.
In Anbetracht vieler fehlender Informationen und auch des Schreibstils, den ich persönlich manchmal ausgesprochen verkürzt fand, finde ich das Buch für Betroffene nur bedingt empfehlenswert. Einiges in dem Buch, vor allem der einführende Teil über die Physiologie der Geschlechtsorgane, erinnert sehr an ein Fachbuch, ist aber dafür nicht ausführlich und differenziert genug. Wenn es an Therapiemaßnahmen oder an Auswirkungen von verbliebenen Schädigungen geht, ist der Text einfach zu knapp, verkürzt, zu wenig praxisnah. Insofern sind beide Zielgruppen - Behandler/Betroffene, die bislang von dem Thema nicht viel wussten, mit den verkürzten Darstellungen hier nicht gut beraten.
Empfehlenswerter sind:
Stöhrer, M., Madersbacher, M., Palmtag, H., (Hrsg.): „Neurogene Blasenfunktionsstörung - neurogene Sexualstörung" ISBN 3-540--61216-5, (teures) Fachbuch, ausführliche Informationen
Lothar Sandfort, „Hautnah", von einem selbst betroffenen Psychologen geschrieben, der unter anderem einen Körper-Kontakt-Service ausführlicher beschreibt, zum anderen auch wesentlich alltagstauglicher auf die erlittenen Verluste von Querschnittgelähmten eingeht.
In meinem Gesamturteil wird das Buch dem Anspruch, BehandlerInnen, die mit Patienten mit neurologischen Erkrankungen arbeiten, umfassend über die veränderte Sexualität aufzuklären ganz sicher nicht gerecht. Für ein Fachbuch, das sich auch an Betroffene richten soll, ist es ohnehin nicht brauchbar, auch wenn der Klappentext das Gegenteil behauptet.
Von daher vergebe ich nur zwei Sterne, einen für den Aufwand, zu dritt ein Buch zu schreiben, und einen für den durchaus spürbaren und gut gemeinten Versuch, ein für Betroffene brennendes Thema aufzubereiten.