Diskurs, Wille zum Wissen, Macht: Rund um diese Begriffe dreht sich nahezu das gesamte Denken Michel Foucaults. Doch was verbirgt sich hinter diesen Bezeichnungen, mit denen Foucault so unterschiedliche Themengebiete wie Kliniken, Psychiatrien, Gefängnisse oder eben Sexualität analysiert? "Der Wille zum Wissen - Sexualität und Wahrheit" ist eines der zentralen Werke Foucaults, da er hier näher auf seine Terminologie eingeht, um sie dann direkt auf den von ihm untersuchten Gegenstand anzuwenden.
Was will Foucault? Ihm geht es mitnichten darum, die diversen von Menschen benutzten Sexualpraktiken darzustellen. Foucault untersucht vielmehr, welche Normalitäten von Sexualität im Laufe der Geschichte konstruiert wurden, wie sich diese Normen in gesellschaftlichen Institutionen manifestierten, wie man Menschen behandelte, die sich außerhalb dieser Norm bewegten und wie dieses konstruierte Wissen der Norm Grundvoraussetzung für die Ausübung von Macht ist: "Daher wird es darauf ankommen, zu wissen, in welchen Formen, durch welche Kanäle und entlang welcher Kanäle die Macht es schafft, bis in die winzigsten und individuellsten Verhaltensweisen vorzudringen, welche Wege es ihr erlauben, die seltenen und unscheinbaren Formen der Lust zu erreichen, und auf welche Weise sie die alltägliche Lust durchdringt und kontrolliert [...] kurz, man muß die polymorphen Techniken der Macht erforschen" (19).
Foucaults These ist, dass der Sex in den vergangenen 200 Jahren nicht unterdrückt und zum Schweigen gebracht wurde. Genau das Gegenteil sei der Fall: "Die modernen Gesellschaften zeichnen sich nicht dadurch aus, daß sie den Sex ins Dunkel verbannen, sondern daß sie unabhängig von ihm sprechen und ihn als das Geheimnis geltend machen" (40). Laut Foucault gibt es ein grundlegendes Dispositiv, auf dem die Konstruktion der sexuellen Norm, also der Wahrheiten über den Sex, basiert: Das Geständnis: "Das Geständnis war und ist bis heute die allgemeine Matrix, die die Produktion des wahren Diskurses über den Sex beherrscht" (66). Lange Zeit war das Geständnis an die Institution der Kirche und dort ganz konkret in die Praxis der Beichte eingebaut. Seit dem 19. Jahrhundert veränderten sich die Beichtpraktiken. Nun spielte sich das Geständnis auch auf anderen gesellschaftlichen Ebenen, zwischen Eltern und Kindern oder Psychiater und Patient, ab. Gerade der letzte Punkt ist von entscheidender Bedeutung. Im 19. Jahrhundert begann man, Abweichungen von der Norm zu pathologisieren, also zu einer Krankheit zu erklären. Das so produzierte Wissen über den Sex manifestierte sich in den Institutionen der Klinik und der Psychiatrie, wo die Normabweichler interniert wurden. An diesem Beispiel sieht man genau, wie der Wille zum Wissen mit dem Willen zur Macht zusammenhängt. Durch das im 19. Jahrhundert konstruierte Wissen, dass Homosexualität eine Normabweichung darstelle und diese zeitgleich pathologisierte, gewann man Macht über die Menschen. Man erklärte sie zu Kranken, zu einer Gefahr für die Gesellschaft und nahm ihnen die Freiheit in extra für diesen Zweck geschaffenen Institutionen.
Doch die Frage bleibt: Was genau ist diese Macht? Wodurch zeichnet sie sich aus? "[D]ie Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtigen. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt" (94). Die Macht ist allgegenwärtig, die durchdringt alle Institutionen und alle zwischenmenschlichen Beziehungen. So bald wir den Mund aufmachen, befinden wir uns in den Fängen der Macht: "Nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall" (ebd.).
Konkret weist Foucault der Macht folgende Eigenschaften zu. Sie ist, erstens, immanent, dass heißt, sie bildet nicht den Überbau von gesellschaftlichen Prozessen, sondern formiert sich aus diesen heraus. Sie kommt, zweitens, von unten, was bedeutet, dass es die klassische Unterteilung in Herrschende und Beherrschte nicht mehr gibt: "Man muß eher davon ausgehen, daß die vielfältigen Kraftverhältnisse sich in den Produktionsapparaten, in den Familien, in den einzelnen Gruppen und Institutionen ausbilden und auswirken" (95). Sie ist, drittens, intentional, das heißt, dass die Macht sich nicht "ohne eine Reihe von Absichten und Zielsetzungen entfaltet" (ebd.). Das bedeutet aber nicht, dass irgendeine Gruppe eine bewusste Entscheidung trifft, um die Macht zu steuern. Sie ist anonym und die, die sie steuern, sind sich dessen oftmals nicht bewusst. Und sie ist, viertens, relational, das heißt, dass, wo es Macht gibt, es auch Widerstand geben muss. Dieser Widerstand ist jedoch Bestandteil der Macht und geht aus ihr selbst heraus. Es ist schlichtweg unmöglich, sich außerhalb der Macht zu bewegen. Die Matrix lässt grüßen...
Foucault lehnt die Metaerzählung der Aufklärung strikt ab. Für ihn ist das Leben kein stetiger Fortschritt. Das Individuum und die Vernunft haben keinerlei schaffenden Kräfte. Der Mensch ist umgeben von allgegenwärtigen Machtrelationen, die unser Handeln und Denken steuern, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Das geniale an der Macht ist, dass sie uns überzeugt, freie Individuen zu sein, die ihr Leben selbst bestimmt führen können und auch in der Lage sind, Widerstand zu leisten. Alles Illusion, so Foucault. Die Macht steuert die Produktion von Wahrheiten und Normen, an denen wir unser Leben ausrichten, ohne uns dessen bewusst zu sein. Für einen freien Willen bleibt da kein Platz.
Fazit: Düster-faszinierende Analyse der gesellschaftlichen Prozesse, die unsere Wahrheiten und Normen produzieren. Foucault ist einer der einflussreichsten Vertreter der Poststrukturalisten überhaupt. Ihm geht es nicht primär um eine Analyse des Wissens in einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Vielmehr analysiert er die Grundbedingungen und Kräfte, die es uns erst ermöglichen, ein bestimmtes Wissen zu produzieren oder eben auch nicht. Sein Buch fasziniert bis heute und hat nichts von seiner Aktualität verloren.