Ein akribisch aufbereitetes Buch über sexualisierte Gewalt in NS-Konzentrationslagern, wozu die Autorinnen 43 überlebende Frauen interviewt haben. Dass dieses Thema äußerst heikel und empfindlich ist, versteht sich von selbst. Umso bewundernswerter ist es, wie die drei Autorinnen damit umgehen: obwohl das Buch ein wissenschaftliches Werk ist, fehlt es nicht an Fingerspitzengefühl. Trotz großer Empathie für die Opfer, trotz höchstem wissenschaftlichen Anspruch ist das Buch ausgesprochen gut und leicht lesbar. Ein Beweis, dass ein soziologisches Werk auch ohne Soziologen-Quacksprech auskommt, dass es flüssig und verständlich geschrieben sein kann und trotzdem kompakt und gehaltvoll ist. Ich staunte immer wieder über konzise, treffsichere Formulierungen und die klare Ausdrucksweise. Wie bei wissenschaftlichen Werken üblich, werden erst ausführlich die Begriffe definiert, was bei weitem nicht so langweilig zu lesen ist wie es klingt: Was versteht man unter sexualisierter Gewalt, wie wird sie erlebt und ausgeübt? Welche Arten von Traumata gibt es, wie können die Reaktionen darauf ausfallen? Besonders interessant fand ich das Kapitel über "Die Bedeutung des Faktors Geschlecht für die Situation der Frauen während nationalsozialistischer Verfolgung" angefangen bei Gestapo-Verhören bis hin zur Aufnahme im Konzentrationslager.
Man fragt sich unwillkürlich, ob die SS (oder wer auch immer) tatsächlich eine derart in sich geschlossene, beinah alles umfassende Prozedur planen konnte, um Menschen einzuschüchtern (martialisches Auftreten der Soldaten, Uniformen, Waffen, Hunde, nackter Spießrutenlauf durch Wächterspaliere, dunkle Andeutungen über ihr Schicksal), zu demütigen (Beschimpfung, Wegnehmen der Kleider, gemeinsames Duschen von Männern und Frauen) und vor allem zu entindividualisieren (Nacktheit, Rasur, Tätowieren, einheitliche Sträflingskleidung).
Einen Hauptteil des Buches macht das Thema "Sexuelle Ausbeutung von Frauen in NS-Konzentrationslagern" aus. Dies geschah vor allem durch Zwangs-Sexarbeit in KZ-eigenen Bordellen, die die betroffenen Frauen in kurzer Zeit zugrunde richtete. Dabei gab es strenge hierarchische Unterschiede: Bordelle für (privilegierte) Häftlinge, für die SS, für Wehrmachtssoldaten (Zur Bekämpfung der Homosexualiät). Eine solch enorme Kenntnis der Strukuren und Abläufe in einem Konzentrationslager habe ich bisher nirgens vorgefunden.
Zwei Fallgeschichten werden näher beleuchtet und mit Interviewpassagen belegt. Die wichtigen Kapitel "Schwangerschaft und Mutterschaft während der Verfolgung" und "Auswirkung von Verfolgung und sexualisierter Gewalt auf Partnerschaft und Mutterschaft" klingen theoretisch, haben mich aber so tief berührt und betroffen gemacht, dass ich mehrmals das Buch aus der Hand legen musste. Auch hier werden Interviews wiedergegeben. Beinahe alle befragten Opfer (manche haben sechs Jahre (!) in verschiedenen Konzentrationslagern überlebt) können bis heute nicht ihre konkrete Opferrolle in Worte fassen. Daher haben die Autorinnen haben in bewundernswerter Kleinarbeit und mit viel Feingefühl diese Interviews hermeneutisch interpretiert und damit ein hochauflösendes Puzzle über das Leben von weiblichen KZ-Häftlingen zusammengebaut. Auch wenn von diesen wenigen Frauen nur kurze Gesprächsausschnitte wiedergegeben sind, bekommt man einen erschütternden Einblick in ihr Leben und ihre Situation zur Zeit der Verfolgung. Das ist die Wirkung der wortwörtlich niedergeschriebenen Aussagen, die zwar oft holprig zu lesen sind, unterbrochen und abgehackt, aber soviel persönliches Schicksal erahnen lassen, dass es in Worten nicht zu fassen ist. So ergeht es mir und vor allem auch den befragten Frauen. Den Essay von Elfriede Jelinek halte ich aber für entbehrlich.