Es gibt ein Organ, das alle anderen aussticht, wenn es um sexuelle Erregung geht:, das Gehirn." (Kim Cattrall)
Kim Cattrall reist in diesem Buch zu allen Zeiten und allen Orten dieser Erde, an/zu denen die Erotik eine natürliche, lebensbejahende Rolle gespielt haben. Das Buch trägt dazu bei, diesen Aspekt wieder zurückzuholen, ihn in unseren Alltag einzubinden und ihn wirklich zu lieben. Unterteilt in die Kapitel "BEGEHREN, MESSAGING, ERREGUNG, FANTASIEN, ERLÖSUNG" gibt die Autorin eine lesens- und sehenswerten Mischung aus Bildern, Einsichten, Zitaten, Meinungen, ein Panoptikum anregender Sinneslust.
Im Kapitel "Messaging" wird untermauert, dass Sex vor allem auch im Kopf und durch Sprache stattfindet. Ich bin davon überzeugt, dass anfängliche, heiße Liebe die Sprachfähigkeit lähmt und man meint, die Liebe erschaffe schon alles, ohne Worte, einfach durch genetische Programmierungen und Bewegungen. Falsch, ganz falsch. Erst die Sprache, der Austausch, die Erklärung gegenseitiger Wünsche, Phantasien und Sprachorgasmen kitzeln die wirklichen sexuellen Gefühle ganz in sich und aus sich heraus. Phantasien sind wie gedankliche Vibratoren, die viel zu wenig genutzt, ja verschämt unterdrückt werden.
Berührungen sind zunächst nur Signale an das Gehirn, die dort interpretiert und gedeutet werden müssen. Diese Aufladung durch Denken, Fühlen und Sprache erst macht Sexualität zu dem, was sie sein kann: einem natürlichen elementaren Gefühl aus Hitze und Kälte, Baum und Wasser, Himmel und Erde, dem in sich Zusammenfallen aller Gegenteile. Die Neurowissenschaft bleibt hier auch nicht ausgespart. Sie hat die bahnbrechende Erkenntnis beigesteuert, dass das Gehirn von unsterblich Verliebten Kokainschnupfern ähnelt. Wer wäre darauf gekommen? Und dass Liebe mehr mit Urtrieben zu tun hat wie Hunger und Durst als mit Gefühlen? Aha! Denke über Handlungsanleitungen nach.
Zu dem von mir rezensierten Klimt, Gustav Danae Gemälde Kunstdruck Bild wird in dem darunter stehenden Text ("Sich einen von der Palme wedeln, die Perle polieren") die Masturbation skizziert. Als eine der Todsünden durch die Kirche jahrhundertelang angeprangert, findet sich in der Bibel keinerlei Hinweis darauf. Der im ersten Buch Moses erwähnte Onan masturbierte höchstwahrscheinlich nicht (oder normal wie alle), er praktizierte den Koitus interruptus, um kein Kind mit der Witwe seines Bruders zu zeugen.
Die Begierde, so Cattrall, liebt die Extreme, schnell und langsam, unanständig und brav, dominant und passiv. Sie lebt von der Abwechslung und schwindet mit der Eintönigkeit. Dieses Buch trägt dazu bei, die Eintönigkeit anzugreifen und zu einem erfüllten Leben beizutragen. Man ist auch hier - wie im ganzen Leben - am zufriedensten, wenn man sich Experimenten öffnet und die Sicht auf die Welt dadurch erweitert. Der Weg ist dabei wichtiger als das Ziel. Unsere Medien-Gesellschaft betont zu sehr das Leistungsziel (übersteigert in der Pornografie) und höhlt dadurch die Phantasie aus. Dieses Buch ist wie eine Rückkehr des Sinnlichen, wie ein Bußgang der Sex and the City Darstellerin Cattrall.
Hier das lesenswerte Schlusswort des Buches:
"Die Begierde ist wie die Sonne - sie nährt uns, sie brennt. Ihre Hitze ist undwiderstehlich. Sie bringt uns dazu, aus uns herauszugehen, und führt uns zugleich tiefer in uns hinein. Indem wir unsere Begierde un deren Befriedigung pflegen und verstehen, treten wir mit unserer innersten Natur in Verbindung, mit der Sinnlichkeit des Lebens und miteinander."