Es gibt ihn doch. Allen Unkenrufen zum Trotz! Es gibt ihn, den guten deutschen Thriller, der mit den hochgelobten Amis mithalten kann. Marcus Starck schrieb mit seinem Debüt "SexDotCom", einen Thriller der härtesten Sorte. Manchmal zu hart, oder zumindest hart an der Grenze. Er verpackt die an sich langweiligen dubiosen Geschäftspraktiken einiger schweizer Großanleger in eine fesselnde Geschichte um Geld, Sex und Verrat und verwebt geschickt die Handlungsstränge der nüchternen Spekulanten mit den der obszönen Pornoindustrie und nicht zu vergessen, der Brutalität der Bikiegang Graveyard Angels.
Jede dieser Gruppen befindet sich in einer Grauzone und denkt, sie müsse sich nicht an die Regeln der Gesellschaft halten. Ich habe mich allerdings beim Lesen gefragt welche der Gruppen Starck als die wirklich Bösen darstellen wollte. Die Antwort kam irgendwo in der Mitte des Buches wo ich bemerkte, dass ich Mitleid mit dem schmierigen Snuff Produzenten Kalodner bekam, der so richtig ekelig von den Bikies durch die Mangel genommen wird. Die Antwort ist: Keine der Gruppen! In Starcks Welt ist jeder schlecht, egal auf welcher Seite er steht. Selbst die Polizei nascht mit. Allerdings stellt er die Abgebrühtheit der Börsenabzocker so dar, dass selbst die Praktiken Kalodners dagegen harmlos wirken.
Das Buch ist brutal, stellenweise hart an der Grenze. Er schafft es jedoch diese Grenze nicht zu überschreiten. Ich denke aber, dass diese explizite Brutalität und Kaltblütigkeit zu einem "Pulp", zu einem Krimi dieses Sub-Genres, dazugehören wie Sozialkritik zu einem Wallander-Roman. Zart besaitete Gemüter sollten sich dreimal überlegen, ob sie in diesem Roman eine vergnügliche Lektüre vorfinden werden. Wer Tarantino Filme mag (So wie ich), wird dieses Buch jedoch lieben!
Einen kleinen Schwachpunkt hat das Buch: Das Frauenbild. Es gibt keinen weiblichen Charakter, der tiefer herausgearbeitet wurde. Nur Bergers Freundin Sarah O'Neil, eine Künstlerin und Gloria, die Tochter des Anführers der Bikies tauchen ein wenig unter die die Oberfläche, wenn auch nicht sehr tief. Aber wahrscheinlich werden Frauen in diesem Milieu so gesehen? Wie auch immer, den Machos in uns - in uns allen steckt doch einer, oder etwa nicht ;-) - wird genau das gefallen. Frustriere, abgezockte Kleinaleger sollten es jedoch nicht lesen, es wird ihnen nicht gefallen einen Spiegel vor die Nase gehalten zu bekommen und zu sehen wie plump sie über die Klinge gesprungen geworden sind.
Ich schließe mich der Krimi-Couch an und denke Marcus Starck ist ein für einen deutschsprachigen Autoren beeindruckendes Debüt gelungen. Einmal im Thema drin, gibt's kein Entkommen. Das Buch ist wie unsere amerikanischen Freunde es zu sagen pflegen, ein wahrer Pageturner. Schnörkellos, actionreich und mit zahlreichen Perspektivwechseln jagt Starck den Leser durch die knapp 400 Seiten, gibt fundierte Einblicke ins vermeintliche Glamour-Business Sex-Industrie und die kriminelle Energie, mit denen Top-Manager ihre Geldgeilheit zu befriedigen versuchen. Fans der härteren Gangart abseits jeglichen Mainstreams sei "SexDotCom" insofern dringendst ans Herz gelegt, Starcks Erstling ist ein Thriller, der dank starker Charaktere und der Verknüpfung von Wirtschaftskriminalität der neueren Art mit Bandenkriminalität der alten Schule hängen bleibt.
Mike Hauser