I. Jedes Filmerzeugnis prinzipiell ernst zu nehmen und als Ablagerung unserer Gegenwartskultur zu begreifen, als Seismograph für aktuelle Strömungen und kollektive Fantasien, mit dem Film zu denken und nicht nur über ihn, das ist eine Haltung, die mir beim so genannten "Arthouse-Porno" nur eingeschränkt gelingen will. Die Herausgeber dieses in der Summe doch sehr unterhaltsamen Bandes sprechen, ohne dies diskutieren und problematisieren zu wollen, von einem "Genre". Ist dann auch der Frauengefängnisfilm der 70er ein solches, irgendwann gar die Privat-Trophäen männlichen Sexualerfolges im Showroom des Internets? Dass Hardcore-Pornographie mit narrativem Flavour und quasi anti-pornographischen Erzähltechniken etwas über den Zustand unserer Gesellschaft mitteilt oder zumindest Charaktere und nicht nur Vorturner beherbergt, über die Nummernrevue hinaus weist und sogar Porn Studies legitimieren soll, dem wohl verzichtbarsten akademischen Zweig neben den Spaziergangswissenschaften, bedarf einer gedanklichen Verrenkung, die mir anhand der Beispiele im Buch erst recht nicht einleuchtet. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich keinen einzigen dieser Filme gesehen habe - sie sind nicht ganz einfach zu bekommen, und ja, ich habe Wichtigeres auf meiner Liste. Die Lektüre ändert nichts daran, dass ich auch ambitioniertere Projekte von einzelnen, sich als "auteurs" gebärdende Filmemacher nicht für voll nehmen kann (eher: will), mögen sich die Autoren und eine Autorin noch so sehr anstrengen, unangestrengt über Filme wie "Cafe Flesh" oder "The Fashionistas" nachzudenken. Trotzdem, und deshalb lohnt sich die Beschäftigung mit diesem Thema dann doch, ist Sexualität als soziologisches Phänomen und die scheinbar schrankenlose Repräsentation derselben im Film ein legitimer Ausgangspunkt, um über Gender, Selfsex, Intimprozeduren und die Differenzen zwischen Pornotopia und Realsex nachzusinnen. Die Arthouse-Variante, die in Abgrenzung zur "Hamburger-Pornographie" Kunst vermutlich mehr anstrebt als erreicht, ist spätestens seit den 80ern nicht mehr als eine Nischenkultur, was von den Porno-Regisseurinnen in der Talkrunde am Schluss praktisch unisono bestätigt wird. Es geht hier somit um einen äußerst marginalen Teil dieser Industrie.
II. Ob der gemeine Erregungssucher in diesem Buch einen Schrank an Ideen für künftige Videoabende mit sich selbst findet, darf bezweifelt werden. Für diese Leute dann doch lieber die PorNotions in "Splatting Image". Es geht in den Texten von "Sex und Subversion" nur an zweiter Stelle um Koitales, eher um die Einbettung und Bedeutung des Körperclinches innerhalb des Plots, der zuweilen nicht nur Feigenblatt sein soll. Story und Genitalien - schließt sich das nicht aus? Und sollte man nicht etwas mehr Distanz zum Gegenstand haben? Die Herausgeber singen in ihrer Einführung das alte Lied von der befreienden Wirkung der Pornographie auf den Betrachter, von der Lust der "Darstellerinnen", weniger von der durchkalkulierten Mechanik des Business, der gehärteten Rein-Raus-Ökonomie. Doch Eduardo Cemano, dem ein Beitrag gewidmet ist, muss tatsächlich mehr im Sinn gehabt haben, als schöne Frauen zum Stöhnen zu bringen, während Hans Billians Wille, die fiktive Geschichte der Josefine Mutzenbacher dialogisch und satirisch aufzuladen, nur in eine halbkomische Farce münden kann. Dass die Geschlechtsakte Bestandteil einer "Geschichte" und die Körper der Protagonistinnen nicht nur jung sind, reicht für André Schwarz schon für Staunen und Beifall. Zugegeben: Die Beschreibung der Szene mit dem Priester, der die Beichte abnimmt, um sich am sexuellen Inhalt zu delektieren und eine Blitzverführung einzuleiten, ist nicht ohne Witz, kommt aber kaum an vergleichbare Nacherzählungen an, die Georg Seeßlen einst in seinem unpeinlicheren, fast schon komödiantischen Buch zum pornographischen Film über eines der vielen mittlerweile historischen Standardprodukte aus dem Hause Orlowski abgeliefert hatte. Dass Seeßlen keinen einzigen Beitrag besteuern durfte oder wollte, ist sehr schade. Dafür ist Marcus Stiglegger dabei. Er beleuchtet Pornographie und Gewalt nicht nur im Hardcore-, sondern auch im Exploitationfilm der 70er bis heute. Ein lohnender Text mit kritischem Unterton, hervorragend formuliert, hier hat jemand Seherfahrungen weit über das "Genre" hinaus - dieses Niveau erreichen nur zwei bis drei andere Autoren. Auf Stiglegger kann man sich fast immer verlassen. Und wer hätte gedacht, dass selbst Abel Ferrara unter Pseudonym einst pornographisch begann, sogar mit Drehbuchautor Nicolas St. John?
III. Es ist nicht unproblematisch, "Sex und Subversion" im öffentlichen Raum, zum Beispiel in der S-Bahn, zu lesen. Nicht nur die Bilder auf der Rückseite, auch die zahlreichen Fotos (allesamt schwarz-weiß) im Innenteil, die den grellen Schlock-Charakter der Filme mitunter sehr augenfällig transportieren, sind explizit und extraordinär. Das ist nicht zu kritisieren, sondern regelrecht notwendig, wenn man wissen möchte, womit man sich bei diesen Filmen einlässt. Erkenntnisse zur Frühzeit des französischen Pornos - noch tonlos und sicher ohne Klavierbegleitung - liefert Matthias Steinle. Regelrechte Ur-Szenen wie "Voyeur beobachtet Paar oder Frauen beim Entkleiden und wird erwischt" gab es schon damals und in der Literatur schon lange vorher, dass aber homosexuelle Handlungen wie selbstverständlich in das Paarungskarussell einbezogen worden sind, und diese Filme waren nicht für ein Spezialpublikum, hat mich sehr gewundert. Die fein säuberliche Trennung zwischen Homo- und Heterosexualität gab es nicht - aber warum? Die Antwort bleibt der Autor freilich schuldig. Penetrierenden Robotern und sich bis zum Klimax heiß rechnenden Computern, was es nicht alles für Kombinationen gibt, widmet sich Stefan Höltgen. Die Kuriositätendichte im pornographischen Urwald ist außergewöhnlich hoch.
IV. Zwei Beiträge, die Oliver Demny zu verantworten hat, sind furchtbar. Der eine gibt vor, das Thema "Rassismus im Porno" anzureißen, ist aber nichts weiteres als die Vorstellung zweier Hardcore-Versionen von Star Trek und einer leicht dicklichen, farbigen Stöhnette. Wo liegt denn hier die Kunst? Freut sich da ein Trekkie, dass Spock auch mal ran darf? Eine Frechheit ist jedoch "Abnormes als queere Chance", der weit gehend aus kurzsätzigen, stotterhaften Beschreibungen von BDSM-Handlungen besteht und dadurch selbst pornographisch wird. Dass am Ende noch Foucault bemüht wird, macht mich fassungslos. Es handelt sich um einen der beiden Herausgeber. Nein, so etwas geht nicht. Am Thema vorbei. Immerhin weiß ich jetzt, dass Frauen fesseln und auspeitschen kein Mainstream ist. Danke dafür.
V. Dass immer wieder mal Catherine Breillat genannt wird, verwundert nicht. Auch Lars von Trier wird wegen seiner Extravaganzen in "Idioten" und "Antichrist" eingestreut, doch um deren Filme geht es nicht. Dafür sorgt die einzige Autorin des Bandes, Julia Reifenberger, mit ihrer sich scharfsinnig anfühlenden Analyse des Trash-Thriller-Pornos "Baise-moi" dafür, dass ich für ein paar Minuten kurz mit dem Gedanken gespielt habe, ihre Erkenntnisse zu überprüfen. Philipp Aubel beschäftigt sich mit Bruce LaBruce, genauer gesagt mit "Skin Flick", einem Schwulenporno im rechtsextremen Setting, macht es aber richtig im Vergleich zu Demny, der hier wohl auch nur notiert hätte, was zu sehen ist.
VI. Selbst Stanley Kubrick spielte gesprächsweise mal die Idee durch, einen Film mit echten Sexszenen zu realisieren, aber mit begabten, richtigen Schauspielern. Die französische Regisseurin und "Sexberaterin" Ovidie versucht in ihren Filmen, eine Form von "Sexrealismus" umzusetzen, indem sie gängige Muster durchbricht (z. B. Anziehen von Kondomen, Frau nach dem Sex nicht befriedigt, Wegwischen der Spuren, hoher Dialoganteil), aber so richtig überzeugen mich ihre Argumente nicht, schon gar nicht der philosophische Überbau des Ganzen. Trotzdem, mag man das auch lächerlich finden, versucht sie offenbar mit einem Ernst, der wohl ernst gemeint ist, dem Sex mehr Variabilität, mehr Störfaktoren beizumischen. Sie selbst hat in ihrer Zeit als Darstellerin, außer in ihrem ersten Film, nur mit Kondom gearbeitet - was schon äußerst ungewöhnlich ist. Ihr ist wohl noch am ehesten zuzutrauen, der gelungene Beitrag von Waldemar Kesler tut sein übriges dazu, etwas Außergewöhnliches aus dem Thema heraus zu wringen.
VII. Engagierte Porno-Konsumenten brauchen keine Bücher, außer vielleicht die Biographie von Jenna Jameson. Insofern ist dieser Band eher für Menschen, die sich spaßeshalber auch mal am Filmrand bewegen, Jodorowskys Elefantenbeerdigung zum Frühstück laufen lassen, denen Claire Denis geläufig ist, die Videos von Xiu Xiu ertragen können, japanische Monsterfilme aus den 50ern lustig finden, den herrlich beknackten "Flesh Gordon" am Vormittag und Madame Huppert in "Villa Amalia" am Nachmittag wie selbstverständlich einlegen (denken Sie sich diese Aufzählung immer weiter und fügen Sie Ihre Randpunkte ein), die somit zu einer extrem weiten Bandbreite in der Lage sind, sich mit schwer finanzierbaren Filmen mit realem Sex zumindest lesend, am Ende versuchsweise sogar sehend auszusetzen, auch wenn ich nicht glaube, dass das zwingend notwendig ist. Das Leben ist zu kurz.