Mit Sex and Religion liefert Vai ein in seiner Vehemenz und Kompromisslosigkeit beispielloses Statement zur Religion in der Post-New-Wave-Ära ab.
Inhaltlich werden hier Themen des Bhuddhismus (Wiedergeburt) und des Christentums (Jesu Kreuzigung, Sündenfall) miteinander verwoben und neue Thesen eines spirituellen Lebens erstellt - eben die Verknüpfung von Sex und Religion, dem klassischen Tabu des Christentums ("Jesus Christ is in your bed tonight", "why can't you love god in your bed?") ohne jedoch den Fokus auf das eigentliche Dilemma zu verlieren: das Geboren werden, die Existenz an sich.
Musikalisch wird der sehr raue Ton des Sängers Devin Townsend, sowie die krassen Texte und die selbst für Vai ungewohnt aggressive Spielweise in Songs wie "Pig", "Dirty Black Hole" und "Deep Down In The Pain" den Hörer verstört zurücklassen, wenn dieser zuvor den instrumentalen Vorgänger "Passion and Warfare" gehört hat.
Zu schockieren wissen auch die sehr authentisch klingenden weiblichen Schmerzenschreie zu Beginn von "Deep down..." (Gerüchte besagen hier, Vai hätte dem Song den O-Ton der Geburt seines Sohnes beigefügt; zu Ende des Songs fragt eine Frauenstimme "Girl or boy?" was mit "Boy!" beantwortet wird)
Also auf den ersten Blick keine Platte um nebenbei, sagen wir mal, etwas ansprechendes zu Kochen.
Steve Vai selbst wurde für sein Werk massiv angefeindet, mitunter bewusst missverstanden und auch kommerziell nicht dafür belohnt. Das ändert sich nun erst langsam.
Und warum?
Sex & Religion ist und bleibt ein Geniestreich. Von A bis Z. Angefangen bei den für Gitarristen interessantesten Themen Riffs, Licks und Zaubereien (hier ist alles wohldosiert vertreten: geschmackvolle Uptempo-Soli in Vai-typischen Modi und Phrasierungen, Highspeedshredding, 2-hand-tapping, funky Riffs mit rhythmischen Verschiebungen aber auch welche die ich eingängig und stadiontauglich schimpfen würde, Whammy-Bar und Whammy-Pedal-Operationen und auch gerne mal einfach nur hartes Geknüppel) allerdings meistens dem Song untergeordnet platziert.
Terry Bozzio zeigt an den Drums einige schöne virtuose Fills die aufhorchen lassen und die ich so noch nirgendwo anders gehört habe. Würde ich jedenfalls sofort wiedererkennen.
TM Stevens bleibt am Bass hingegen mehr im Hintergrund. Er spielt keine echten Soli auf der Scheibe und spielt mehr die Rolle des Unterstützers. Zumindest hier hätte ich mir mehr versprochen.
Ebenso kann das Album mit grandiosem weil eingängigem und doch interessanten Songwriting aufwarten. Es sind, neben all dem Schreien das reichlich Platz findet, definitiv Ohrwürmer vorhanden die es zu entdecken gilt.
Die Texte reichen von tragischer Liebesballade über Begierde bis zur Psychoanalyse am Rande eines Kollaps. Man erkennt recht gut dass der Texter (Vai) das Zerwürfnis kennt und augenscheinlich auch irgendwie mag, zumindest bemüht er sich den klassischen R'n'R Platitüden aus dem Weg zu gehen und sucht feinsinnigere Motive für seinen Weltschmerz.
Muss man mögen.
Das Album endet unerwartet hoffnungsvoll und hinterlässt nach dem zehn bis fünfzehnten Durchhören auch soetwas wie gute Laune - wenn man irgendwie durchgestiegen ist, denn der Interpretationsmöglichkeiten sind viele - auch und erst recht musikalisch.
Vai präsentiert sich hier also radikaler als jemals vorher und nachher, bleibt dabei dem "Gefrickel" treu wie seinerzeit nur Dream Theater und kommt dabei aber mehr auf den Punkt als die New Yorker Jungs. Dynamischer gespielt ist diese Musik meines Erachtens nach sowieso.
Schlussendlich bleibt mir der Vorwurf dass das Album mit all seinen Soundschnipseln, Backing Vocals, Synthielayern und Gitarrenchören hoffnungslos überproduziert ist. Während Steve Vai in seiner Karriere bislang nur ein Album wirklich auf die Essenz eines Rocktrios herunterfahren konnte, nämlich "ALien love Secrets", will er hier scheinbar tatsächlich den Beweis antreten "Schaut her, ICH bin nun ein echtes Rock-Alien!"
Nun ja, es ist eben sein Stil. Hut ab!