Als die Autorin ihre Interviews mit 24 Jungen und Mädchen führte, dachte sie wohl kaum daran, dass sie danach von jemandem gelesen werden, der dem bunten Treiben der Menschheit bereits über ein halbes Jahrhundert zuschaut. Aber da so jemand nun eine Besprechung schreibt, ist diese mit Vorsicht zu genießen. Denn jüngere Leser werden bestimmt vieles mit anderen Augen sehen. Mich interessierten die Aussagen der jungen Leute, weil ich Fragebögen misstraue, Selbstdarstellungen im Internet eine eigene Textsorte finde und dennoch wissen möchte, was die heutige Jugend über Sex denkt und wie sie ihn erlebt. Und das interessiert mich vor allem deshalb, weil ich aus beruflichen Gründen den menschlichen Verhaltens- und Denkmustern auf die Spur kommen will. Doch mit einem Mikrofon umherzuhasten und mich umständlich zu erklären, warum man ausgerechnet mir seine sexuellen Ersterlebnisse anvertraue soll, ist nicht mein Ding. Kurz: Jutta Vey liefert mir mit diesen 24 Geschichten einen wichtigen Puzzlestein für Bilder, die ich immer wieder neu zusammensetzen muss.
Zu Wort kommen Jungen und Mädchen zwischen 15 und 22 Jahren mit den verschiedensten biografischen Hintergründen. Und schon nach den ersten Geschichten bestätigt sich die Ahnung, dass trotz allgegenwärtigem Sexgeflüster und -geschrei in den Medien und Treffpunkten der Peergroups das Überschreiten einer so bedeutenden Schwelle noch immer mit großer Unsicherheit verbunden ist. Über wesentliche Erfahrung zu lesen und sie selber zu erleben, ist eben nie das Gleiche. Bestätigt fand ich auch die These, dass die Enttabuisierung der Sexualität zwar auf der eine Seite befreiend wirkte, auf der anderen jedoch neue Ängste weckte. Die Angst nämlich, aus den unzähligen Rollen die passende auszuwählen. Und weil unsere Leistungsgesellschaft auch die Sexualität vereinnahmte, wurde die Angst vor dem Entdecktwerden oder vor allfälligen Sanktionen durch die Angst des Nichtgenügens ersetzt. Zum Ausdruck kommt aber auch der Konsumcharakter der Sexualität, der mit dem Ideal einer romantischen Liebe schwer zu vereinbaren ist. So erstaunte es mich nicht, dass zwischen den Zeilen oder sogar ganz direkt der Wunsch nach Leitlinien geäußert wird, an denen man sich orientieren kann. "Anything goes" klingt gut und wirkt attraktiv, lässt aber auch viel Ratlosigkeit zurück. Wo ist der Platz für die eigenen Fantasien, wenn in den Medien bereits alles Denk- und Undenkbare öffentlich zelebriert wird? Dass sich die freie Journalistin Jutta Vey mit einem vierseitigen Vorwort begnügt, das eher noch mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt, hat mich gestört. Zumal es ja durchaus Formen gibt, in denen dies möglich gewesen wäre, ohne als Briefkastentante oder Moralistin aufzutreten. Vielleicht hätte es sogar genügt, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen während der geführten Interviews berichten würde.
Mein Fazit: Obwohl die interviewten Jungen und Mädchen verschieden alt sind und aus unterschiedlichen sozialen Schichten kommen, sind 24 Erfahrungberichte natürlich nicht repräsentativ. Aber sie bestätigen zumindest, was die meisten Leser wohl schon ahnten: Das erste sexuelle Erlebnis ist noch immer ein Flug ins Ungewisse, bei dem man nie weiß, wo man ankommt, wie sich ein Absturz verhindern lässt und ob man ihn einigermassen heil überlebt. Schade, dass es zu den Interviews kein Vor- oder Nachwort gibt, das einige Aspekte nochmals aufnimmt und mögliche Antworten auf gestellte und ungestellte Fragen in diesem Buch gibt.