Herrmann's Analyse unterscheidet sich wesentlich von anderen Büchern über dieses Thema. Es ist tiefgründig, erforscht die eigentlichen Ursachen und beschränkt sich nicht darauf, relativ oberflächliche Beschreibungen von Foltermethoden für Neugierige zu liefern. Das findet der Leser in anderen Büchern, das umfangreiche Literaturverzeichnis von Herrmann's Werk gibt genügend Hinweise dazu.
"Wer die Folter ... abschaffen will, muß sich um die zugrundeliegende Ideologie und deren Milieu kümmern", sagt Herrmann. Er findet die eigentliche Ursache für das Verhalten der Christen, welches in der Verteufelung der menschlichen Sexualität und in der Anwendung grausamster Folter gegenüber den "Feinden" gipfelt, in Gott selbst. Der patriarchale Gott, der von seinen Jüngern immer wieder Opfer fordert, Blut fordert, erzwingt dieses Verhalten, wenn man die dahinter stehende Ideologie nur konsequent und fundamentalistisch genug anwendet. Laut Herrmann sind die Grausamkeiten der Kirche nicht Einzelfälle oder Entgleisungen, sondern sie sind in der Religion, in diesem Vater-Gott und seinen folgsamen Jüngern selbst angelegt.
Das Buch regt zum Nachdenken an, nicht nur über die christliche Religion, sondern über Religion, Fundamentalismus überhaupt. Ganz nebenbei zeigt Herrmann auch auf, warum Gott nie als Frau verstanden werden kann, warum eine feministische Theologie sich nicht durchsetzen kann. Ich kann dieses Buch allen empfehlen, die sich tiefer mit der Thematik von Folter im Abendland oder der Geschichte der christlichen Kirchen und des Judentums auseinandersetzen wollen. Der wissenschaftlichen Ansprüchen standhaltende Text eröffnet sich einem manchmal erst beim zweiten und dritten Lesen, doch es ist ja kein Buch zum drüberlesen, eher zum nachdenken.