Ich fahre das Yukon seit Beginn der diesjährigen Paddelsaison und habe neben Tagestouren auf kleineren Seen und ruhigen Flüssen eine mehrtägige Tour zu zweit mit dem Yukon unternommen.
Positiv/Stärken:
- Spurtreue: Das Boot regiert sehr gut auf Steuerschläge, wendet flott und fährt in die Richtung, die man auch einschlägt. Weder Wind noch Strömung stellen einen vor große Probleme, man merkt aber beides.
- Kentersicher: Auch wenn man es darauf anlegt, die ungefähre Eierform und die knapp 90cm Breite machen ein ungewolltes Kentern nahezu unmöglich, ein gewolltes Kentern ist äußerst schwierig. Ruhige Lage ist garantiert.
- Verarbeitung: Die Verarbeitung ist vergleichsweise wertig. Die Nähte sind alle sauber und robust gesetzt. Hier und da guckt ein Faden heraus, aber das ist nicht weiter schlimm. Die Materialen sind alle recht robust und zweckmäßig. Das Boot ist aufgepumpt symmetrisch und ausreichend steif. Das Problem mit aufreißenden Nähten, das einige Sevylor-Boote zu haben scheinen, blieb mir bisher erspart. Die Ösen zur Gepäckverzurrung sind gut vernäht und halten ein großes Rackpack in Position.
- Schutz der Schläuche: Durch den Reißverschluss und dem derben Cordura-ähnlichem (keine Ahnung, ob es welches ist) Stoff wird der Schlauch gut geschützt. Dazu kommt noch die äußere Bootshaut. Beides zusammen bietet guten Schutz vor mechanischen Beschädigungen.
- Mobilität: Das Boot in seinem Rucksack auf dem Rücken ' Platz ist auch für Zubehör und Pumpe, Paddel unterm Arm und einem kleinen Packsack kann man locker im Regionalzug/-bus reisen, um eine Tagestour zu unternehmen. Das ist mit Abstand die größte Stärke des Yukon, wie wohl auch vieler anderer Luftboote. Wer Tagestouren via ÖPNV unternehmen oder nur wenig Platz hat, wird das Yukon lieben.
Negativ/Schwächen:
- Luftkammern: Es wäre wünschenswert, dass auch in der Inneren Schlauchkammer ein Boston-Ventil zum Einsatz kommt. Warum hier unbedingt eine wenig praktische Lösung verbaut wurde, ist mir schleierhaft. Die Schläuche selbst wirken zwar robust, könnten aber rein dem Empfinden nach in dieser Preisklasse dicker und derber im Material sein. Die Bodenkammer hat nur ein etwas besseres Luftmatratzenventil. Auch hier wäre eher ein Bostonventil angemessen.
- Es fehlen gänzlich Ösen zur Befestigung von bspw. Bootsleinen vorn und hinten. Das Boot muss immer an Land gebracht werden, möchte man nicht hinter ihm her schwimmen. Hier kann man sich höchstens damit behelfen, die Griffe zu missbrauchen und eine Bootsleine hier anzubringen. Das hat bisher funktioniert, ob das auf Dauer aber nicht die Griffe abreißen lässt - ist fraglich.
- Die "Stühle" sind am Rücken ein wenig zu kurz, um wirklich bequem zu sein. Lümmeln ist vor allem vorne nicht gleichzeitig mit Paddeln möglich. Aber wenn man vorankommen will, hat man dazu im Yukon ohnehin keine Zeit.
- Das Boot ist extrem breit. Der "Paddling Guard" tut daher wirklich Not. Es wäre wünschenswert, dass die Bordwand höher, dafür weniger Breit wäre.
- nutzlose Gimmicks: Der "Splashguard" - also der Nylonüberhang vorn ist ja eine nette Idee. Aber - Der Rollverschluss für das Wasserdichte Kartenfach ist einfach zu lang (kann man natürlich kürzen) und wesentlich "hakliger" als bspw. die Kartentaschen eines namenhaften Herstellers. Der "Splashguard" nervt den vorn sitzenden zudem mehr als dass der fragwürdige Spritzschutz helfen würde.
- Platzangabe: Für zwei Leute mit Gepäck benötigt man entweder ein sehr straff geplantes Equipment oder ein zweites Boot. Den vom Hersteller angepriesenen geräumigen Stauraum sucht man vergebens. Es gibt außer hinter dem hinteren Sitz und zwischen den Beinen keinerlei nennenswerten Stauraum für Packsäcke. Vorn und hinten passt noch ein wenig auf das Boot, dazu sind aber Spanngurtkonstruktionen nötig - das kleine Netz reicht allenfalls für Kleinkram. Gutes Gepäckmanagement ist hier Pflicht. Es kann, wenn man die nicht wasserdichte mitgelieferte Tüte, die als Packsack fungieren soll,hinten weglässt, bspw. ein Rackpack über einen Packsack geschnallt und mittels vorhandenen Ösen befestigt werden. Auf den Bug kann man auch noch einen 20 Liter Sack verzurren. Allein ist man mit dem Boot mit ausreichend Stauraum ausgestattet - zu zweit wird es "kuschelig".
- Geschwindigkeit: Wie von einem Luftboot mit Niederdruckschläuchen und der Auflagefläche eines Klärschlammtankers nicht anders zu erwarten ist das Boot keine Rennmaschine. GPS-Messung auf einem windstillen See ergab komplett leer bei gemütlichem Solo-Doppelpaddel-betrieb ungefähr 5 km/h. Mehr ist auf Dauer nicht drin. Kurzzeitige Sprints sind natürlich möglich. Gegen die Strömung eines recht gemütlichen Flusses waren nicht mehr als 3 km/h zu erreichen. Mit Gepäck für Mehrtagestouren oder "passivem" Mitfahrer ist das Vorankommen eher müßig. Mit einem Falt- oder Festboot kann man aber in keinem Fall mithalten. Das sollte man definitiv einplanen. Am wohlsten fühlt sich das Boot wohl auf Flüssen (dafür ist es laut Hersteller wohl auch gedacht) mit moderater Strömung und genug Tiefgang (um Aufsetzen oder Hängenbleiben zu vermeiden), auf denen sportliches Paddeln eher sekundär ist.
- Wassereinbruch: Ob die "Bilge" (durch den aufblasbaren Boden sitzt man mit den aufblasbaren Sitzen etwa 10cm über dem inneren Tiefpunkt des Bootes) durch die Lenzventile oder durch das obere grüne Nylongewebe oder durch beides mit der Zeit voll läuft ist unerheblich. Das scheint bei Sevylor Booten den Rezensionen nach allgemein bauartbedingt zu sein. Das Wasser wird aber erst nach Stunden zum Problem. Das Entleeren auf dem Wasser mit Schwamm gestaltet sich schwierig, weil es keine gut zugängige Stelle für einen Schwammeinsatz gibt. Da hilft nur "aussitzen", anlanden und dann entleeren.
- Außenhülle: Obwohl ich auf den ersten 3 Fahrten und einer mehrtägigen Tour (Seen und auf einem Fluss) äußerst vorsichtig war hat der leichte Boden- bzw. Uferkontakt beim Anlanden an der schwarzen Plane im Bodenbereich einen deutlichen Abrieb hinterlassen. Das ist zwar weiter nicht schlimm, da die Plane den Innenschlauch sehr gut schützt, macht aber keinen guten Eindruck. Hier hilft nur Seamgrip oder ähnliches (Flexibler PU-Powerkleber), um die entstehenden Schäden auszubessern. Am ärgerlichsten finde ich aber das beim Einrollen des Bootes ' egal wie man vorgeht ' Knicke in der äußeren Plane sehr leicht aufbrechen, was ein ständiges Punktuelles ausbessern unumgänglich macht.
- Trocknen: Das Boot nach einer Fahrt restlos trocken zu bekommen braucht Zeit und Platz. Zwischen Gummischläuchen und Außenhülle ist in der Regel so viel Wasser/Feuchtigkeit, dass man es in jedem Fall komplett auseinandernehmen muss, um das Boot restlos trocken zu bekommen.
- Die Außenhülle passt nur nach einigem Gefummel gut über das Schlauchinnenteil. Es schlägt unweigerlich kleine Falten und verrutscht an den Ventilöffnungen immer ein wenig. Da ist beim Aufpumpen etwas Geruckel nötig. Beim Boden sollte man darauf achten, dass tunlichst keine Steinchen oder sonstiger grober Dreck durch die Reißverschlüsse in die Bodenkammer gelangt.
Fazit:
Das Sevylor Yukon ist leicht zu lagern, zu transportieren und aufzublasen. Es ist gutmütig, behäbig und bei pfleglichem Umgang hinreichend robust. Zu zweit am fährt man es am besten ohne (viel) Gepäck. Es ist ausgestattet mit allerhand Gimmicks, die mal mehr mal weniger nützlich bzw. überflüssig sind. Die Sitzgelegenheiten sind ausreichend komfortabler, könnten den Rücken aber mehr stützen. Die Trocknung ist aufwendig aber vertretbar.
Wäre nicht an den Ventilen der Innenkammer und am Boden gespart wurden, das Schlauchmaterial etwas dicker und für höheren Druck ausgelegt sowie ein weniger bruchanfälliges Material für den Unterboden verwendet worden ' wäre der hohe Listenpreis durchaus gerechtfertigt. Wer ein mobiles Boot der mittleren Preisklasse sucht, gern gemächlich unterwegs ist und kleinere Reperaturen nicht scheut, kann zugreifen.