Mit dem Titel Seven Types of Ambiguity" bezieht sich Elliot Perlman auf ein gleichlautendes literaturkritisches Werk von William Empson aus dem Jahr 1930. Empson stellt die These auf, dass gehobene Poesie immer mehrere Deutungsebenen enthält und unterscheidet sieben Arten der Mehrdeutigkeit.
Vor diesem Hintergrund ist auch Elliot Perlmans Roman angelegt: In sieben verschiedenen Kapiteln kommen 7 direkt oder indirekt in Verbindung stehende Personen zu Wort, die dem Leser ihre persönliche Sichtweise der Ereignisse darstellen. Jeder ist in seiner eigenen Perspektive gefangen und in seinem Verständnis bzw. Empathiefähigkeit den anderen Personen dieses Romans gegenüber eingeschränkt. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit der Perspektive erlangen die Charaktere lebenswirkliche Tiefe. Der Leser wird in diesem Roman gleichsam zum Mitglied eines Geschworenengerichtes, vor dessen kritischem Urteil jede Figur auftritt und ihn von seiner Version zu überzeugen versucht.
Im Zentrum der des Geschehens steht Simon, ein arbeitsloser Lehrer und leidenschaftlicher Leser, der seinen Arbeitsplatz aufgrund eines misslichen Zufalls verlor, als einer seiner Grundschüler, dem er nach dem Unterricht Nachhilfe erteilte, vom Gang zur Toilette nicht mehr zurückkam und nie wieder auftauchte. Einsam, arbeitslos und dem Alkohol hingegeben trauert Simon Anna, seiner großen Liebe aus Studientagen nach, die sich vor 10 Jahren von ihm trennte. Als er sie eines Tages durch Zufall wieder sieht, mischt er sich (unbemerkt) immer stärker in ihr Leben ein, bis er eines Tages ihren sechsjährigen Sohn entführt, zu sich nach Hause nimmt und dafür ins Untersuchungsgefängnis kommt.
Warum entführte Simon Sam, den Sohn seiner Ex? Warum trennte diese sich vor 10 Jahren von Simon, obwohl die Beziehung so glücklich schien? Warum besucht ihr Ehemann Woche für Woche eine Prostituierte? Warum unterstützt eben diese Prostituierte den Arbeitslosen Grundschullehrer Simon? Und warum riskiert Simons Psychologe Alex seine Karriere und Familie für ihn? Schritt für Schritt werden die psychologischen Abgründe und geheimen Leidenschaften der in diesen Fall direkt oder indirekt verwickelten Personen enthüllt: Alex (Simons Psychologe), Anna (Simons Ex), Joe (Annas Mann), Angela (Simons Freundin und die Prostituierte von Joe), Mitch (Joes Arbeitskollege), Rachael (Alex` Tochter) und natürlich Simon.
Dieses war eines der spannendsten Bücher die ich seit längerem gelesen habe. Elliot Perlman entwickelt einen scharfen Blick für die unausgesprochenen Zwischentöne menschlicher Beziehungen und bringt deren Mehrdeutigkeiten Schicht um Schicht ans Licht. Gleichzeitig entführt er seine Leser in verschiedene Lebenswelten des modernen Melbourns: Finanzmakler im Erfolgsrausch und im Abgrund (Joe), Prostituierte (Angela), australische Bildungspolitik (Simon), das australische Geschworenengericht und natürlich literaturkritische Bemerkungen über die Grenzen postmodernen Textverständnisses.