© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
"Serpico" ist ein Film von Sidney Lumet, und er macht alles so gut, wie man das von seinen besseren Filmen kennt. Was aber ist eigentlich der Schlüssel zu "Serpico", dieser auf Fakten basierenden Geschichte um einen aufrechten Bullen in einem korrupten Sumpf? Es sind diesmal nicht die messer- und tiefenscharfen Chiaroscuro-Aufnahmen, die kaum Licht in dunkle Abgründe lassen. Es ist nicht die authentische Schmuddeligkeit New Yorks, wie sie der neben Woody Allen wohl größte Überzeugungs-New Yorker Lumet filmt. Es ist auch nicht die gerade in der Eröffnungsszene aufzufindende meisterhafte Verknüpfung von Ton (ein Scheibenwischer, ein Martinshorn), Nähe (der blutende Al Pacino alias Serpico) und Distanz (die Kühle in der Notaufnahme), über die wir mitten in die Geschichte gestoßen werden und uns nach und nach zusammenreimen müssen, was dort eigentlich passiert ist. Es ist auch nicht die unnachahmliche Mischung aus einem, haha, unbestechlichen Blick und der radikalen Subjektivierung (dass Serpico von scheinbar Verbündeten ewig lange bis zu einem angeblich günstigen Zeitpunkt vertröstet wird, um die Korruptions-Bombe platzen zu lassen, dehnt Lumet so lange, dass der Film nach konventionellen Dramaturgiemaßstäben fast ein bißchen langweilig wird, aber andererseits lässt er uns dadurch die Perspektive des Protagonisten einnehmen und seine Qualen fühlen - wir sind Serpico). Das alles ist zwar hervorragend, aber das Besondere an diesem Film sind die kleinen Feinheiten am Rande, gleich in der Anfangsphase: Da berichtet Serpico einer Freundin, dass er immer Polizist werden wollte, weil er als Kind einmal bei einem Unfall wissen wollte, was los war, bis er bemerkte, dass nur die Uniformierten ins "Innere" vordringen dürfen. Dementsprechend werden Serpico und der Film tatsächlich eine Innenansicht der Polizei erlangen/präsentieren, aber anders, als sich der Protagonist das vorgestellt hatte! Zum zweiten wird Serpico als Mann zwischen allen Stühlen präsentiert, ohne festen Platz in der Gesellschaft: Ihn zieht es weg von der bodenständigen Familie aus der Bronx zu Intellektuellen nach Greenwich Village; er interessiert sich für das klassische Ballett seiner Freundin. Aber das kommt bei den männerbündischen Cops nicht an ("Fünf Stellungen gibt es." "Da hat sie Dir ein paar unterschlagen", grinst ein Kollege). Andererseits werden die sogenannten Intellektuellen als dünkelhafte Schnösel charakterisiert. Somit kann Serpico keinen Platz finden, nirgendwo. In diesem Zusammenhang mag es interessant sein, dass Serpico sich in seinen Abendstudien auch einmal beschäftigt mit - Don Quixote und Cervantes. Dies scheint mir ein wichtiger Schlüssel zu sein: Serpico "möchte jemand sein", steht zwischen allen Fronten, und so bleibt ihm nichts als sein Rückgrat - um feststellen zu müssen, dass er bei dem Kampf gegen die Korruption gegen Windmühenflügel kämpft. Somit ist dieser auf den ersten Blick typische "Gerechtigkeitsfilm" von Lumet nicht nur einer, der von einer Institution handelt, sondern auch vom Individuum, von Serpicos ganz persönlichen Problemen. Dieser Mann ist ein moderner Don Quixote auf verlorenem Posten, aber wie dem Ritter von der traurigen Gestalt können wir ihm nur wünschen: Du hast keine Chance, also nutze sie. Lumet hat den schonungslosen, aber nie ganz fatalistischen Blick. Auch deswegen ist "Serpico" ein Meisterwerk - nach konventionellen Maßstäben vielleicht etwas schwerfällig und sperrig.
Die DVD der Focus-Edition hat eine gute Qualität, den deutschen und englischen Ton sowie den Trailer als Bonus.