(Vorsicht, leichte Spoiler!)
So sagt es sich Gott in "The Simpsons", als er als Lichtstrahl Homer Simpson wegen persönlicher Differenzen verfolgt, dann jedoch, gehindert durch einen Zug, die Jagd aufgibt, während Homer auf einem Motorrad davonbraust. An einen solchen Gott scheint auch Larry Gopnik mit seinen Fragen, was in seinem Leben denn eigentlich schiefgelaufen sei und warum, geraten zu sein, denn wie ein moderner Hiob - in dessen Geschichte Gott nach dem Urteil Virginia Woolfs auch nicht eben gut wegkommt - weiß er, der sich eben noch gemütlich im Alltag eingerichtet hat, bald schon nicht mehr, wie ihm geschieht, und kann keinen Sinn in seinem Leiden entdecken.
Den Coens ist mit ihrem Film "A Serious Man" (2009) wieder ein Meisterwerk gelungen, das mit seinem verhaltenen Humor sehr stark an ihren Film "The Man Who Wasn't There" erinnert. In "A Serious Man" (2001) setzen die beiden genialen Regisseure auf relativ unbekannte Schauspieler und einen eher unspektakulären Plot, und herausgekommen ist ein ziemlich stiller, ruhiger Film bar jeden Slapsticks und Getöses, der sich dem Zuschauer nach einmaligem Schauen in seinem ausdifferenzierten Wahnsinn kaum erschließen dürfte.
Michael Stuhlbarg spielt den jüdischen Mathematikprofessor Larry Gopnik, dessen Leben aus den Fugen gerät, als ihn ein koreanischer Student zu bestechen und gleichzeitig zu erpressen versucht, seine Frau (Sari Lennick) ihn für seinen Freund Sy Ableman (Fred Melamed) verlassen will und sein waffennärrischer Nachbar einen Grenzstreit vom Zaun - pardon the pun - bricht. Dann gibt es da noch seine undankbaren und egoistischen Kinder - eine Tochter, die ihn bestiehlt, um sich eine Nasenoperation zu leisten, sowie einen Sohn, der wie ein Irrer kifft und der nur mit seinem Vater redet, wenn er Probleme mit dem Fernsehempfang hat -, eine sexsüchtige, irgendwie unheilvolle Nachbarin und seinen Bruder (Richard Kind), ein verkanntes Mathematikgenie, das sich in Glücksspiel und sexuelle Perversionen flüchtet und sich bei ihm eingenistet hat. Es mag sein, daß der ein oder andere von uns mit einer der oben angeführten Widrigkeiten zu kämpfen hat, aber daß alle zugleich über einen Menschen hereinbrechen, ist doch so ungewöhnlich, daß es die Sinnfrage einigermaßen rechtfertigt. So wendet sich Gopnik denn auch im Verlauf des Films an drei verschiedene Rabbis, die ihm allerdings keine zufriedenstellende Antwort auf seine Existenzfrage zu geben vermögen.
Der Film lebt zu einem guten Teil von präzise geschliffenen Dialogen - "The rabbi is busy." ; "He didn't look busy." ; "He's thinking." ist noch eines der einfachsten Beispiele. Zudem erschaffen die Coens ein Pandämonium skurriler Charaktere, die - jeder auf seine eigene Weise - die Hölle für Gopnik heraufbeschwören. Am besten gefällt mir hier Sy Ableman, der Larry zwar die Frau ausspannt, dann aber noch die Chuzpe besitzt, ihn als bester Freund trösten zu wollen. Seine zwanghaften melodramatischen Umarmungen und die verständnis- und salbungsvollen Worte, die er dabei auf Larry herabprasseln läßt, symbolisieren auf treffliche Art und Weise die Unbarmherzigkeit, mit der er Gopnik manipuliert und beherrscht. Dann gibt es Larrys Vorgesetzten an der Universität, ein Mitglied des Ausschusses, der über Larrys Festanstellung zu befinden hat, der sich stets wie ein verlegener Schuljunge vor der Bürotür des Mathematikprofessors herumdrückt und dessen stammelnde Beteuerungen, alles sei in Ordnung, Larry möge sich doch bitte keine Sorgen machen, alles andere als beruhigend wirken. Vortrefflich sind auch der koreanische Student und sein Vater gelungen, die Larry mit einer Mischung aus Überredungen und Drohungen arg zusetzen, er möge die entscheidende Abschlußnote doch nochmals überdenken, und deren paradoxe Argumentation zum Gegenstand eines Logikseminars erhoben werden könnten.
Des weiteren wirkt der Film durch Dinge, die er gerade nicht zeigt, wie etwa Larrys Sturz vom Dach bei dem Versuch, die sexy Nachbarin zu bespannen - wie in biblischen Zeiten David es wohl bei Bathseba tat -, oder die widerliche Nackenzyste von Larrys Bruder Arthur, die den Patienten zwingt, lange Zeit im Bad zu verbringen, die wir aber nie zu Gesicht bekommen. Tja, und all das, was wir nicht sehen, befeuert natürlich unsere schlimmsten Phantasien.
Seine größte Attraktivität erhält der Film meiner Meinung nach indes durch den feinen jüdischen Humor, der auch zu Selbstironie und Augenzwinkern fähig ist und der meisterhaft von den Coens umgesetzt wurde - etwa in der gänzlich in Jiddisch gehaltenen Vignette um den Dibbuk (oder ist er doch keiner?) am Anfang des Filmes oder in der geschliffenen Parabel von den "Zähnen des Goi". Bemerkenswerterweise scheint gerade in dieser scheinbar völlig willkürlich von dem wortgewandten Rabbi Nachtner (George Wyner) aufgegriffenen Geschichte - für deren kreative Abstrusität allein man schon vor den Coens den Hut ziehen möchte - die Hauptbotschaft des Filmes zu liegen, denn bei all ihrer mystischen Spektakularität, die ein gefundenes Fressen für sinngierige Obskurantisten zu sein scheint, heißt es am Ende schlicht: "For a while he checked every patient's teeth for new messages. He didn't find any. In time, he found he'd stopped checking. He returned to life. These questions that are bothering you, Larry - maybe they are like a toothache. We feel them for a while, then they go away." Das klingt natürlich ungeheuer grausam: Ein Mensch, schlimmstenfalls wir selbst, leidet, doch es gibt einfach keine Erklärung dafür, warum das so ist. Wenn unser Glaube stark genug ist, dann kann er uns natürlich die Hoffnung einflößen, unser Leid sei nicht sinnlos, sondern diene einem höheren Zweck - insofern befriedigt Religiosität, allen Demutsbekundungen zum Trotze, menschliche Eitelkeit -, aber er kann uns auch noch zusätzlich quälen, wenn wir uns mit allgemeinen Antworten nicht zufrieden geben. Viele Filme der Coens zeigen uns übrigens Menschen, die es nach einer sinnvollen Erklärung für das sie bedrückende Ungemach verlangt - Osborne Cox aus "Burn After Reading" (2008) treibt die Suche schließlich in den Amoklauf, und auch Walter Sobchak redet sich gern ein, mit den Greueln, die er als junger Mann in Vietnam gesehen hat, wenigstens die Werte der amerikanischen Verfassung gesichert zu haben, die er doch überall mit Füßen getreten sieht. Die meisten dieser Menschen sind kreuzunglücklich, und nur wenige - die, wie der Dude, nicht so genau nachdenken - kommen schließlich zu einer befriedigenden Antwort wie: "Ich könnte hier genausogut sitzen und hätte nur einen Pinkelfleck auf meinem Teppich." Von gesundem Zynismus getragene Gelassenheit und Bescheidenheit könnte hier den richtigen Weg weisen, denn die wahre Weisheit scheint auch nicht mehr zu sein als die Ermahnung "Be a good boy" und zudem nur dem zuteil zu werden, der sie gar nicht gesucht - und damit auch nicht verdient (?) - hat.
Was den Film neben dieser Botschaft für mich zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, daß er zeigt, wie groß die Bereitschaft zu gelassener Selbstironie im Judentum ist. Immerhin durchläuft Gopniks Sohn seine Bar Mitzwa im Zustande völliger Bekifftheit, und viele der Darsteller in der betreffenden Szene waren jüdische Synagogengänger und religiöse Würdenträger, die das Skript kannten. Es fällt mir sehr schwer mir vorzustellen, daß die beiden anderen großen monotheistischen Religionen Ähnliches für ihre Kulte mitgetragen hätten. Somit gerät dieses Meisterwerk auch zu einer charmanten Liebeserklärung an das Judentum.