Der russische Fotograf Sergej Chilikov machte den Doktor in Philosophie und war von 1976 bis 1991 Dozent an der Universität von Joschkar-Ola. Aber als er diese Stelle antrat, begann auch schon seine fotografische Karriere in der Gruppe Fakt. Und mit seinen ziemlich eigenwilligen Arbeiten und Ansichten wurde er in seiner Region schnell bekannt. International machte er mit Einzelausstellungen in Frankreich auf sich aufmerksam und zeigte seine Fotografien danach auch in Deutschland, Italien, Belgien und England.
Den Texten im Buch lässt sich entnehmen, dass Sergej Chilikov zu den Künstlern gehört, für die Regeln vor allem da sind, um sie zu missachten oder neu zu interpretieren. Zu Beginn der 1990er gehört der Einzelgänger gebliebene Fotograf zu den berühmtesten in Russland. Aber nachdem er noch eine philosophische Schrift publizierte, verschwindet er aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit, um nach der Jahrtausendwende wieder in Moskau aufzutauchen und Aufnahmen für die französische Zeitschrift Vogue zu machen.
Sergej Chilikov ist das Schöne und das Biest, wie Vladimir Dudchenko in diesem Bildband mit ausgewählten Werken schreibt. Und er nennt ihn Possenreißer, Springinsfeld und Außenseiter, der nie ganz nüchtern ist. Oder ein verrücktes Genie, das sein Talent verschleudert und seinen Verstand versäuft. Aber offenbar dient ihm die Maske des Betrunkenen auch dazu, um sich hinter ihr verstecken zu können.
Die fotografischen Arbeiten dieses Enfant terrible zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Erinnerten mich einige Bilder an Nadin Goldin, sind andere wiederum weit von diesem Stil entfernt, vor allem die Schwarzweiß-Arbeiten. Sergej Chilikov schafft Räume, in denen er Menschen agieren lässt, die ebenso künstlich wie natürlich wirken. Das Verwirrende scheint ein bewusstes Stilmerkmal von Sergej Chilikov zu sein, wobei seine Bilder auch sehr durchkomponiert wirken. Ironie findet sich in seinen Aufnahmen ebenso wie entfremdete Realität und eine eigentümliche Erotik des direkten Blicks.
Mein Fazit: Vielleicht muss man so leben wie Sergej Chilikov, um in der übersättigten Bilderwelt der heutigen Fotografie noch Neues schaffen zu können. Jedenfalls haben mich viele der ausgewählten Werke fasziniert. Und das Bild von der jungen Frau im gelben Kleid gehört zu den eindrücklichsten Fotografien, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Ein Bildband, der zu einer lohnenden Entdeckungsreise einlädt. Übrigens: Der Vorname von Chilikov schreibt sich tatsächlich mit "j" und nicht mit "y". Da muss bei der Vorstellung auf dieser Plattform ein Fehler passiert sein.