Welch bedeutendes Lebenswerk von Gitta Sereny, möchte ich meinen, nachdem ich gefesselt von den Beschreibungen der wechselvollen Lebensabschnitte im Leben Albert Speers und der ihn Begleitenden gelesen habe. Selbst im Jahre 1947 geboren war ich nur unzureichen in den Fünfziger- und bis Mitte der Sechziger-Jahre versehen mit geschichtlichem Wissen über das sog. Dritte Reich. Als ich im vergagenen Jahr beschloss, den Nachnamen des Bruders (Jahrgang 1921) meiner Mutter anzunehmen, der, wie nachträglich erzählt wurde, im Einsatz der "Schnellen Eingreiftruppe", die keine Gefangenen machte" vor Belfort in den letzten Wochen des Krieges 1945, damals wohl einen "heldenhaften" Tod starb, kam dieses Buch wie etwas in mein Leben, nach dem ich schon lange gesucht hatte. Doch nicht nur allein dieses neu geweckte Interesse machte die Lektüre des über 860 Seiten starken Buches für mich so spannend. Viel mehr fand ich in der Autorin eine weibliche und daher, wie ich meine, mehr mitfühlende, in ihrem Interviews fast fürsorgliche Person. Gitta Sereny schildert sowohl das Zusammenwirken von menschlichen, politischen und wirtschaftlichen Verwobenheiten dieser Zeit, als auch private Begegnungen in einer sehr packenden atmosphärischen Dichte. Das zum Teil akribisch über viele Jahre sich erstreckende Zusammentragen einer Fülle von Daten und das Ineinanderfügen von Zusammenhängen öffnet eine Quelle von immer neuen Erkenntnissen. Mit einem Male lesen wird es wohl nicht getan sein. Schon allein durch den Umfang, aber auch durch die in der Dokumentation wohnende Bedeutung dieser Arbeit, gelingt eine besondere distanzierte Würdigung von Albert Speers Leben, aus der wohl viel zu lernen ist; denn der persönliche Aspekt spannt sich weit aus zu Entwicklungen, die Millionen von Menschen betroffen haben und in der Konsequenz, bedenkt man die Diskussion um die "Wiedergutmachung", immer noch betreffen.
Es gibt in diesem Buch Abschnitte, die mich besonders fesselten, etwa die Schilderung der letzten Wochen und Monate eines radikalen Regimes mit allen seinen Unterdrückungs- und Manipulationsmechanismen, an dem wohl alle in dieser Zeit Lebenden einen Anteil hatten. Andere Aufzeichnungen las ich wie eine spannende Schilderung einer Inszenierung, wie etwa den Nürnberger Prozess, bei dem die Vermutung geäußert wurde, dass es Absprachen gegeben habe. Und viele Momente berührten mich tief, private, persönliche sogar intime Augenblicke, wo durch kurze Momente gegenseitigen Vertrauens zwischen der Autorin und Albert Speer die größtmögliche Nähe zu den wahrhaftigen Gefühlen möglich wurde.
Ich persönlich empfinde durch die Lektüre dieses Buches verstärkt eine gewisse Zuständigkeit für das, was in dieser Zeit geschah und beobachte auch in heutigen Machtstrukturen, wie sie oft durch Einschüchterung und Manipulation aufgebaut und unterhalten werden. Menschen wurden und werden in eine Lebenssituation gebracht, in der sie nur noch überleben wollen, wenn nicht körperlich, dann seelisch oder geistig. Bestenfalls soll, wie bei Albert Speer zu vermuten ist, eine Idee überleben, nämlich die eines monumentalen, nie dagewesenen perfekten Bauens.
So wird es wie vielleicht für Albert Speer, für viele Menschen da, wo sie stehen, fast unmöglich, die Konsequenzen ihres persönlichen Handelns vollständig zu übersehen. Entscheidungen werden ja zumeist dort getroffen, wo die Auswirkungen, wenn überhaupt, nur noch oberflächlich beobachtet werden können. Die sog. Masse, oder das "Humankapital" ist für diejenigen, die über sie/es verfügen, nicht mehr als einzelne Individuen zu erkennen, "es geht um die "große Sache" - ist dann zu lesen!
So konnte es für mich nicht ausbleiben, dass ich aus diesem Buch unter Anderem die Erkenntnis gewonnen habe, dass das Ungeheuerliche sich immer nur teilweise offenbaren kann, es wäre sonst nicht auszuhalten. Gitta Sereny hat einen Mann geschildert, der tatsächlich sich wohl immer wieder mit der größtmöglichen Wahrheit konfrontiert hat. Und für mich wurde eine sehr persönliche Sehnsucht Albert Speers sichtbar, die durch die Disziplinierung seines Geistes und seines Handelns doch einmal hindurchbrechen wollte, um an die Oberfläche zu gelangen, dorthin, wo sie endlich berührt und erlöst werden würde.