...dann packt jeden wohl früher oder später das Gefühl, da seien noch Dinge, die man besser zu Lebzeiten gesagt hätte. Leon de Winter hat das Buch seiner Mutter gewidmet, deren Tod 1994 der Auslöser zum Schreiben der "Serenade" gewesen sein dürfte. Natürlich ehrt es den Autor, natürlich ist nichts daran auszusetzen, daß er seiner Mutter ein Denkmal setzen will und daher die Person der sterbenden Mutter Anneke, einer im Krieg nur knapp dem Konzentrationslager entkommenen Jüdin, in den Mittelpunkt seines Romans stellt. Anders als der Sohn und Ich-Erzähler weiß die Mutter nach einer Krebsoperation nichts von der Unheilbarkeit ihrer Krankheit, und sie denkt auch gar nicht daran zu sterben. Vielmehr mischt sie sich mit gewohnter Energie in das Leben des Sohnes, eines mäßig erfolgreichen Komponisten für Werbe-Jingels, und fängt zu allem Überfluß nach 40 Jahren Witwendasein auch noch eine Liaison mit dem 76jährigen Charmeur Fred an. Schön, die Schilderung der täglichen Anrufe der kauzigen und lebensfrohen Dame, deren Sohn trotz aller Krittelei ihr ganzer Stolz ist, und auch die Idee, mal über Menschen jenseits der siebzig als sexuelle aktive Personen (Fred und (!) Anneke), die ihre Lust bei Prostitutierten befriedigen, zu schreiben. Warum aber konstruiert de Winter dann eine Mutter-Theresa-Story, in der Anneke spurlos verschwindet, aber nicht etwa von ihrem Tod erfahren hat, sondern in Bosnien ist und dort mal eben den Krieg durch Waffenschiebereien(!) beenden will? Mutterliebe in allen Ehren, aber statt seine Mutter in einen Balkan-Rambo zu verwandeln, hätte er sich lieber mehr Zeit für die Schilderung ihrer Kriegtraumata nehmen sollen, deren lapidare Erwähnung den Leser wenig befriedigt. O.K. Leon, Du hast Deine Mama geliebt, und sie war eine prima Frau, aber vielleicht hätte ein wenig mehr Abstand ihr und uns ein besseres Buch geschenkt...