Kurzbeschreibung
Dabei setzte sich Somuncu, der zuvor mit fast 1500 Lesungen aus Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf " weltweit auf sich aufmerksam machte, lange Zeit vor vielen anderen mit Hitler auf eine Art und Weise auseinander, die für manch einen ungewohnt und nicht zuletzt deswegen Tabu war. Ein Türke, der aus "Mein Kampf" liest und Hitler der Lächerlichkeit preisgibt, das war für viele ein Unding. Besonders aber für jene, die den Führer in Schutz nehmen wollten galt Somuncus Wirken als offene Provokation. So fanden seine Aufführungen nicht selten unter massivem Polizeischutz statt und wurden häufig Ziel von rechtsradikalen Protestkundgebungen. Somuncu aber lies sich davon nicht irritieren und las sogar mit kugelsicherer Weste. Mittlerweile haben sich die Diskussionen um seine Arbeit entschärft und Somuncu wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, so erhielt er unter anderem auch den Prix Pantheon in Bonn. Die Idee für eine englischsprachige Fassung seiner Lesung kam von einem Zuschauer aus den USA, denn auch dort gibt es nachwievor grosses Interesse an einer humoristischen Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte. Für Serdar Somuncu ist diese Art des Umgangs mit diesem Thema indes nicht neu:
"Mich langweilen diese periodisch wiederkehrenden Debatten über den "richtigen" Umgang mit Hitler. Und ewig geht es dabei um die gleiche Frage : Stirnrunzeln oder Schenkelklopfen. Ob es Levys "Mein Führer" ist oder Chaplins "Großer Diktator" war, niemand wird uns Künstler davon abhalten unsere Interpretation des Gröfaz zu geben, so wie auch niemand ernsthaft unterstellen kann, dass wir mit unseren Arbeiten zu einer Verharmlosung des Holocaust beitragen wollten. Das ist eher das Wunschdenken einiger Selbstdarsteller, die immer im Zusammenhang mit solchen Debatten ihre Anteilnahme zeigen, indem sie drohend ihren Zeigefinger erheben, als wären sie das Gewissen einer orientierungslosen Nation. Konstruktive Vorschläge kommen von diesen Leuten meist nicht. Die Menschen in Deutschland, egal welcher Herkunft, sind keine Vollidioten. Mir ist lieber, die Leute lachen über Hitler, als das sie ihn vergessen. Deutschland ist erwachsen und sich seiner dunklen Seiten sehr bewusst. Es braucht keine Gedanken oder Witzpolizei, die einschreitet wenn der Deutsche vor sich selbst geschützt werden muss. Mehr als 60 Jahre danach, brauchen wir vielmehr einen zeitgemässen Umgang mit der Witzfigur Hitler und das bedeutet auch ein angstfreies Lächerlichmachen der Täter von dem gewissenlosen Lachen über die Opfer trennen zu können."
Biographie der Mitwirkenden
Seit 1985 ist er ununterbrochen in diesen Bereichen tätig.
Neben der Mitwirkung an diversen Produktionen für Film, Funk und Fernsehen (Lindenstraße, Die Anrheiner, Schwarz greift ein) inszenierte Somuncu über 100 Theaterstücke und wirkte bei zahlreichen Produktionen als Schauspieler mit, u.a. an den Schauspielhäusern in Oberhausen, Bremen und Bochum.
Seit 1987 leitet er das Kammerensemble in Neuss
1990 erhielt er für seine Darstellung des Affen Rotpeter in Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie" den 1.Deutschen Literatur Theater Preis.
Für seine ungewöhnliche Inszenierung von "Bukowski-Blues" erhielt er 1993 den Europäischen Nachwuchsförderpreis in Wien. Die Uraufführung fand in einem Kölner Bordell statt und wurde von Obdachlosen gespielt.
Von 1996 - 2001 tourte Somuncu mit einer spektakulären Lesung aus Adolf Hitlers "Mein Kampf" durch Europa. Mit über 1500 Auftritten vor mehr als einer Viertelmillion Zuschauern dokumentierte er dabei nicht nur die Notwendigkeit dieser künstlerischen Auseinandersetzung mit einem der heikelsten Themen unserer Gegenwart, sondern erhielt auch allseits Lob und Anerkennung für seine mutige und spannende Interpretation des weitgehend unbekannt gebliebenen Pamphlets. Dabei führten ihn die Stationen seiner Reise auch immer wieder zu den neuralgischen Punkten der deutschen Geschichte. Für die taz ist er deswegen der "Mann des Jahres 1996"
Mit seiner Lesung u.a. in Sachsenhausen vor ehemaligen Häftlingen des Lagers oder in Wurzen, einer von vielen "nationalen befreiten Zonen", weckte er weltweites Interesse von der Berichterstattung in den Tagesthemen bis hin zu Interviews in der jüdischen Wochenzeitung "Aufbau" in New York, der Jerusalem Post, dem BBC in London, der türkischen Tageszeitung "Hürriyet" oder dem finnischen Staatsfernsehen in Helsinki.
Aber auch Drohungen sind für Somuncu an der Tagesordnung, stößt es doch gerade bestimmten Kreisen unangenehm auf, dass ein Türke sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. Zum 10.Jahrestag des Mauerfalls inszenierte er 1999 in Dresden die Trilogie "Schuldig! Im Namen des..." eine Theatercollage über 50 Jahre deutscher Rechtsprechung von Freisler bis Krenz. Mit Thomas Bernhards "Der Theatermacher" war er 1999 das "Highlight"(Thüringer Allgemeine) der 10.Internationalen Theatertage in Weimar. Zugleich wirkte Serdar Somuncu in diesem Jahr auch als Schauspieler in der italienisch-israelischen Koproduktion "Simplecamente No!" am Piccolo Teatro in Mailand (Italien) mit.
Im September 2000 startete Somuncu mit einer weiteren Lesung. Unter dem Titel "Wollt ihr den totalen Krieg" präsentierte er einer angesichts der Bühnentauglichkeit seiner Texte erneut verblüfften Öffentlichkeit Ausschnitte aus der berühmt berüchtigten Rede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels vom 18.Feb.1943. Der Berliner Tagesspiegel schreibt über die Premiere "Geht es vernichtender, entzaubernder, direkter, aufklärender?"
Als Bassa Selim war Serdar Somuncu 2003 an der Oper in Münster in "Die Entführung aus dem Serail" von W.A.Mozart zu sehen, er veröffentlichte ausserdem bisher mehrere CD's mit Mitschnitten aus seinen Lesungen und zwei Bücher und ist als regelmäßiger Gast zudem in zahlreichen TV-Shows und Informationssendungen zu sehen.
Für seine Performance aus der Sportpalastrede und "Mein Kampf" erhielt Serdar Somuncu den renommierten Prix-Pantheon 2004.