In diesem Buch beschreiben Autoren aus Deutschland und Serbien, wie sie die Situation von Serbien nach den Kriegen sehen und was in diesem Land zu den aktuellen Verhältnissen geführt hat.
Erst am 3. Februar 2008 ist der serbische Staatspräsident neu gewählt worden. So wie es aussieht, wird Boris Tadiæ weiterhin Präsident von Serbien bleiben. Durch einen knappen Wahlerfolg, der wohl auf die hohe Wahlbeteiligung zurückzuführen ist, bleibt derjenige Präsident von Serbien, der vom Westen am meisten akzeptiert und von dem angenommen wird, dass er die Politik des ermordeten früheren Präsidenten Zoran Ðinðiæ fortführen wird.
In dem Band wird deutlich dargestellt, mit welch zweifelhaften Personen sein Amtsvorgänger zusammenarbeiten musste, um an der Macht zu bleiben. Deshalb darf man davon ausgehen, dass es bei Boris Tadiæ nicht anders ist und sein wird, zumal seine Gegenspieler Vojislav Kostunica und Tomislav Nikoliæ eine starke Unterstützung in der Bevölkerung haben. Man muss es sich mal deutlich vor Augen halten: Der Ultranationalist Tomislav Nikoliæ hat bei den Wahlen fast 50 % der Wählerstimmen bekommen.
Diese Situation kann für die für die europäische Gemeinschaft noch unübersehbare Folgen haben. Woran liegt das? Es liegt daran, dass Europa und die Welt abermals geschlafen haben, als in Belgrad und mit Zustimmung von Boris Tadiæ vor zwei Jahren eine neue Verfassung entwickelt wurde, die schließlich durch eine Volksabstimmung angenommen wurde. Darin ist in der Präambel festgelegt, dass die ehemals autonome Republik Kosovo ein konstitutioneller Bestandteil der Republik Serbien ist. An diese Vorschrift ist jeder Politiker in Serbien, auch Boris Tadiæ, gebunden, will er nicht Gefahr laufen, dass seine Kompromisse, die er unter Umständen einzugehen bereit ist, vom Verfassungsgericht, für ungültig erklärt werden.
Bemerkenswert an dem Buch ist, dass sowohl die ältere als auch jüngere Geschichte des Landes deutlich beschrieben ist und dadurch klar wird, wie und warum so viele Mythen und Legenden in den Jahrzehnten und Jahrhunderten entstehen konnten. Sehr anschaulich wird erläutert, dass die Vorfahren der jetzigen Bewohner aus einem völlig anderen kulturhistorischen Umfeld gekommen sind, als die restlichen Völker in Europa. Es wird deutlich gemacht, dass die alte Form der Zadruga, die auch hier beschrieben wird: http://www.kroatien-lexikon.de/index.php/Zadruga eine Lebensform ist, die heute noch in Südosteuropa eine grosse Rolle spielt.
Jedoch wird leider wieder derselbe Fehler gemacht, der seit dem Berliner-Kongress von 1878 immer wieder gemacht wird: Man bezeichnet Südosteuropa als Balkan. Dieser eindeutig osmanische (türkische) Begriff ist durchgehend negativ behaftet in den europäischen Sprachgebrauch übergegangen. Mich wundert es, dass selbst die serbischen Autoren des Bandes diesen Begriff in ihren Ausführungen benutzen. Ich rate dem Leser, den Begriff "Balkan" beim Lesen durch den Begriff "Südosteuropa" zu ersetzen, er wird schnell merken, dass ein ganz anderer Klang entsteht.
Angesichts der aktuellen politischen Lage, vor allem in Bezug auf die Lösung des Kosovo-Problems, ist allen, die politische Entscheidungen zu treffen haben und die über die Problematik dieses Teils von Europa informiert sein wollen, zu empfehlen, sich mit dem Buch einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es zu der jetzigen Situation in Serbien gekommen ist. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch auch in die Sprachen von Südosteuropa übersetzt wird, damit auch dort die Verantwortlichen, die noch bereit sind, in einen Spiegel zu schauen, ihre nationalistische Politik überwinden. Auch denjenigen, die sich über die Politik von Südosteuropa informieren wollen, ist dieses Buch dringend zu empfehlen.