Seraphim ist ein Buch für Leute, die in Museen unverhältnismäßig lange vor einzelnen Vitrinen stehen bleiben, den Blick starr auf eine kleine Kinderspielzeug-Pfanne aus dem 17. Jahrhundert gerichtet, eine altägyptische Vase oder eine Münze mit chinesischen Schriftzeichen. Nicht, weil es kunsthistorisch besonders interessante Stücke wären, sondern weil man sich vorstellt, welche Fantasie-Gerichte das kleine Mädchen wohl damals in seiner kleinen Pfanne zubereitet hat, wie der Haushalt wohl ausgesehen hat, in den die Vase gehörte, und durch wessen Hände die chinesischen Münzen wohl alles gegangen sind. Wer also gern in seiner Fantasie in frühere Welten eintaucht, der wird Seraphim lieben. Es wird eine gute und sehr spannende Geschichte erzählt, aber darüber hinaus bietet dieser historische Thriller sehr viele Informationen über das tägliche Leben in allen Schichten der mittelalterlichen Gesellschaft, die gewöhnlich in Geschichtsbüchern fehlen und welche die damalige Zeit einprägsam vor Augen führen. Liest man Geschichtsbücher, hat man das Skelett, liest man historische Romane wie Seraphim, hat man das Fleisch dazu, eine faszinierende Welt, die es zu entdecken gilt, hervorragend recherchierte Schauplätze und lebendige Figuren. Oft ist es so, dass ich ein Buch zunächst gut finde und in einem Zug lese, aber nach ein paar Wochen fast vergessen habe. Bei Seraphim ist es ganz und gar nicht so. Zunächst dachte ich nur: Ja, eine tolle, faszinierende Geschichte, hochspannend bis zum Schluss, wenn auch für meinen Geschmack vielleicht manchmal etwas ausführlich in der Beschreibung von Setting und Gedankengängen - doch jetzt ist ein halbes Jahr vergangen, und ich habe Seraphim nicht vergessen, im Gegenteil, die Figuren entfalten gerade durch die Art der Beschreibung eine Art Langzeit-Existenz in meinem Kopf, immer wieder denke ich an sie, und einzelne Szenen, Schauplätze stehen mir lebendig vor Augen, sind kein bisschen blasser geworden. Ein Buch mit Langzeit-Resonanz bei mir, und damit höchste Punktzahl!