Schuld, Sühne, Hass, Vergebung und die Unmöglichkeit, einen Konflikt mittels brachialster Gewalt zu lösen. "Seraphim Falls" ist mehr eine Parabel denn ein Neo-Western und bedient sich des Western-Szenarios als Kulisse für einen mörderischen Zweikampf zwischen Liam Neeson und Pierce Brosnan in einer wilden, unmenschlichen Natur. Nach langen Jagdszenen in der winterlichen, schneebedeckten und eisigen Wildnis zu Beginn deutet eine Hütte mit Vater und zwei Kindern an, dass es neben Jäger und Gejagtem doch noch so etwas wie Zivilisation gibt. Der Treck der christlichen Siedler stellt ebenfalls lediglich nur eine kurze Atempause von der Gewalt dar, eine kurze Reminiszenz an John Ford's
Wagonmaster [UK Import]? Auch das Eisenbahncamp deutet Zivilisation an, doch auch hier herrscht Gewalt. Der Rückblick auf die Untat im soeben beendeten Sezessionskrieg lässt nachvollziehen, woraus sich der Hass des Jägers speist. Und dann? Mit dem äußerst ungewöhnlichen Versteck Brosnans in der Wüste, dem Auftritt des Indianers am Wasserloch und spätestens mit Anjelica Houstons Erscheinung, einer Fata Morgana gleich, verlässt "Seraphim Falls" den gerade in den Gewaltszenen vorherrschenden Realismus und gleitet ins Surreale. Brosnan läuft vor der Gewalt davon, muss sie aber selber immer und immer wieder bis aufs Äußerste einsetzen, um zu überleben. Neeson ist angefüllt von Hass und Rache und bedient sich auch stetig und konsequent der Gewalt auf der Jagd. Doch der finale Showdown der beiden Gewalt ausübenden Gegenspieler zeigt die Unmöglichkeit der Auflösung von Hass durch die Gewalt, hinterlässt gleich zwei Besiegte (oder Gerettete?) und entlässt den Zuschauer nachdenklich. Insgesamt ein interessanter, polarisierender Film, der sowohl Zustimmung als auch Ablehnung auf sich ziehen wird.