Bizarre Atmosphäre, unterschwellige Erotik und unergründliche Charaktere beherrschen einen der besten Mangas der letzten Jahre. "Ich werde bis ans Ende des Himmels fliegen..." So beginnt eine Geschichte, deren Betitelung als "Erotik-Science-Fiction" ihr eine ganze Menge an Schönheit und Faszination absprechen. Seraphic Feather ist weder die übliche Raumschlacht zwischen Riesenrobotern oder Raumschiffen, noch echte Erotikstory. Beides vermischt und angereichert mit Mysterien und Geheimnissen wird zu einem atmosphärischen Leseerlebnis, das sich schwerlich in die Konventionen fügt. Alles beginnt mit Sunao und Kei, die in einer tiefschwarzen Nacht die Sterne bewundern. Die faszinierte Sunao schwört sich, eines Tages dorthin zu gelangen... doch alles kommt anders: Jahre später. Sunao erhält eine Nachricht von Kei, die längst aufgebrochen ist, ihrem Vater bei Arbeiten im Weltall zu helfen. Ein Splitter, ein Versprechen, und wir befinden uns einen weiteren Szenenwechsel später bei einem Jungen, der als Sunao vorgstellt wird. Ja, das ist verwirrend, und das ist der Sinn der Sache. Es kommt im späteren Verlauf zur Begegnung zwischen Kei und 'dem' Sunao, klarer wird über die verworrenen Identitäten der Personen aber nicht viel. Und auch die anderen Charas wie die fast unerträglich gutaussehende Fräulein M-Zak haben eine Ausstrahlung, wie man sie nur selten findet, und die unendlich zu fesseln weiss. Handlung en masse bringt der erste Band noch nicht ins Spiel, statt dessen werden behutsam verschiedene Charaktere vorgestellt, und ordentlich viele Mysterien geschürt. Kein Wunder, dass man nach dem ersten Band schnellstmöglich den Fortlauf der Geschichte wissen will, und sich endlich Klarheit über die Hintergünde und Vergangenheiten der Personen verschaffen will. Utatane, um das gleich mal aufzuklären, ist einer der unangefochtenen Meister des Erotik-Bereiches. Der Mann, den besonders seine bizarr-perversen "Countdown Stories" berühmt machten, hat die Story von Morimoto in einer Qualität auf's Papier gebracht, die ihresgleichen sucht. Schon zu Beginn erwarten uns technische Designs der absoluten Spitzenklasse, die fast im Konkurrenzkampf mit den Charakterdesigns stehen. So gleichzeitig schöne und abweisend-kalte Bilder sind selten, und die In-Szene-Setzung der bloßen Design geschieht mit mindestens derselben Faszination wie sie auch die Motive an sich bieten. Riesige Leerstellen, die Verwendung von Negativ-Zeichnungen und die teilweise sehr sparsame und vorsichtige Verwendung von Text verbildlicht die Atmosphäre unglaublich intensiv, so dass man selbst bei mehreren Seiten ohne Text ein erstaunlich klares Bild der Situation und der Gefühle, die in der Luft liegen, hat. Seraphic Feather ist DER Manga für den etwas erwachseneren Leser schlechthin, daran gibt es nichts zu diskutieren. Das fünfbändige Werk ist derzeit wohl das anspruchsvollste, was der Markt zu bieten hat. Und da typisch japanische Fun-Faktoren wie SD-Motive etc. vollständig fehlen, lässt sich diese Bewertung eigentlich auch auch die Comic-Szene im Allgemeinen übertragen. Ganz abgesehen davon, könnte die kunstvolle Gestaltung auch Leute begeistern, die mit Mangas sonst nicht soviel am Hut haben. Die deutsche Überarbeitung gelingt Feest ohne Patzer, mit passenden, zurückhaltenden Texten in Computer-Lettering und ohne irgendwelche Schnitte im Artwork.