Schon lange kennt man die Deutsch-Türkin Renan Demirkan als Schauspielerin. Seit sie ihren ersten Roman "Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker" 1991 veröffentlichte, der zum Bestseller wurde, kennt man sie auch als erfolgreiche Schriftstellerin.
Als ihre Mutter vor drei Jahren starb und in der Türkei beerdigt wurde, war das für Renan Demirkan eine große Zäsur in ihrem Leben. Ein Ereignis, das sie dazu brachte, ihr ganzes Leben noch einmal zu überdenken. Zusammen mit ihrem Vater, einem stillen Intellektuellen, der aus politischen Gründen damals sein Land verließ und sich immer für deutsche Literatur interessierte und ihrer Schwester, begleitet Renan Demirkan den Leichnam ihrer Mutter in die alte Heimat. Die fremden Verwandten aus Tscherkessien, denen Renan dort zum ersten Mal begegnet, versuchen sie zu trösten:"Wer seine Mutter verliert, verliert eine ganze Welt," sagen sie, doch ihre Worte erreichen die trauernde Tochter nicht. Das Wesen und die Mentalität der Verwandten sind ihr fremd und ihr wird deutlich, dass sie weder hier noch dort wirklich zu Hause ist. Sie lebt am Rand. Sie erinnert sich an ein Zitat von Marcel Reich-Ranicki, der auf die Frage, was er sich wünsche, wenn er noch einmal geboren würde, antwortete, er wünsche sich, in der Mitte der Gesellschaft zu leben.
Die Geschichte ihres Lebens, die die 1955 geborene Renan Demirkan in diesem Buch erzählt, zeigt, dass sie dort bis heute nicht wirklich angekommen ist. Sie erzählt, wie sie mit 7 Jahren nach Deutschland kommt, von ihren entgegengesetzten Eltern, der unaufhörlich arbeitenden Mutter und dem stillen Vater, der 45 Jahren in Deutschland nach dem Tod seiner Frau zu seiner Tochter sagt: "Die haben uns hier nie gewollt. Und die werden uns hier auch nie haben wollen, nie."
Seine Tochter allerdings hat die Hoffnung nicht aufgegeben, auch wenn sie ständig darauf hinweist, dass schon der Begriff "Integration" von einer Ungleichheit des Gegenübers ausgeht und das Moment der Gegenseitigkeit ausschließt.
Sie sagt: "Ein Ich wird man nicht allein, ein Ich braucht ein Gegenüber, das antwortet. Niemand kann von sich ein Teil der Gesellschaft werden, wenn die Gesellschaft ihm keinen Platz anbietet. Kein Gesetz und keine Absichtserklärung wird eine Berührung ersetzen können, die der Betroffene für sein eigenes Wachsen und für das Verwachsen mit seiner Umgebung braucht."
Kluge und wahre Sätze sind das, doch glaubt der Rezensent aus seiner eigenen Erfahrung mit türkischen Mitbürgern hinzufügen zu müssen, dass zu einem solchen Verwachsen mit seiner Umgebung auch die Bereitschaft dessen gehört, der von außen in diese Umgebung hineingekommen ist. Es gibt viele Beispiele dafür, dass das auf Seiten der türkischen Mitbürger trotz vieler Angebote nicht immer ausreichend geschieht. Wenn sie noch dazu regelrecht aufgefordert werden, sich zu verweigern, wie das der türkische Ministerpräsident Erdogan mit seiner demagogischen Rede letztes Jahr in Köln getan hat, sind viel aufrichtige Versuche deutscher Bürger zum Scheitern verurteilt. Wir dürfen nicht zulassen, das sich in unserem demokratischen Land eine regelrechte Parallelgesellschaft entwickelt, die auf Rechte pocht, die sie nach dem Grundgesetz einfach nicht haben können.
Renan Demirkans Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte und zeigt, wie schwierig die ganze Sache ist.