1985 veröffentlichte Klaus Modick seinen wunderbar luftig-leichten Sommerroman „Ins Blaue". Sein neuester, „September Song", hätte auch „Ins Graue" heißen können: Nicht nur, dass es sich um eine Art Fortsetzung von Ersterem handelt, auch ist die Hauptfigur beider Bücher exakt um diese 17 Jahre gealtert. Kurz vor seinem 50. Geburtstag beginnt Kurt Steenken plötzlich an der Ernte seines bisherigen Lebens, verkörpert in seiner Tochter Marie, zu zweifeln: Ist sie überhaupt meine Tochter? Diese Frage ist quasi die Steigerung einer vorhergehenden, ebenso plötzlich sich aufdrängenden Frage: Habe ich womöglich (als Resultat eines Seitensprungs vor 17 Jahren) einen unbekannten Sohn? Und als Kurt in seinem September-Blues beinah panisch einen ungeheuren dramatischen Überbau entwickelt, der in der fixen Idee gipfelt, einen womöglich drohenden Inzest verhindern zu müssen, heißt es sozusagen Pappa ante portas oedipi!
„Was ich besitze, seh' ich wie im Weiten/Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten." Diese Goethe-Zeilen beschreiben leitmotivisch Kurts Sehnsucht nach sich selbst zu einer Zeit, in der er jünger und alles offen war. Also nach der Zeit des Säens. Ja, er „verrät" die Erntezeit an die Zeit des Säens. Versteht sich aber von selbst, dass ein Autor wie Klaus Modick es versteht, die melancholische Tiefenpsychologie ebenso ironisch-locker zu verpacken wie seinerzeit in „Ins Blaue". Rundum amüsante Lektüre also. Unter anderem, weil auch im „September Song" der Rotwein schlonzende Tunichtgut, legere Lebemann und gebildete Causeur Fred Steinmann, genannt Feuerstein, wieder eine tragen-de Rolle spielt.