Aus der Amazon.de-Redaktion
Allerdings ist die Großwetterlage in September Song trotz diverser Kalamitäten, die der Protagonist Dr. Kurt Steenken aus Hamburg heraufbeschwört, überwiegend heiter. Gewiss, der demnächst 50-jährige Lektor eines Schulbuchverlags ist von der Midlifecrisis schwer gebeutelt und der schlimme Verdacht, dass seine Tochter Marie wegen seines lange zurück liegenden Seitensprungs mit der schönen Vera gerade in eine inzestuöse Teenagerliebe mit deren (und seinem) Sohn Curd verstrickt sein könnte, lässt die grauen Haare nicht weniger werden. Aber so richtig glaubt man nie daran, dass den Steenkens tatsächlich "eine Tragödie griechischen oder gar biblischen Ausmaßes" ins bildungsbürgerliche Haus steht -- zu augenzwinkernd und ironisch abgefedert kommt das Ganze daher.
Das kann man als spannungsmindernde Schwäche sehen, gleichzeitig ist es die große Stärke des Buches. Modick muss sich oder uns längst nichts mehr beweisen und er gibt dem Affen Zucker bzw. Kurt reichlich Gelegenheit, sich auf seiner hormonell motivierten Suche nach der verlorenen Zeit (den frühen Achtzigern) zu blamieren, ohne ihn allerdings je zu verraten. Er verwöhnt uns mit glänzenden Dialogen und Monologen (hinreißend: der redselige Zahnarzt Dr. Schwarz) sowie stimmigen Szenen aus deutschen Wohlstandsmilieus. Er liefert nette Pointen ("Ich war ja wirklich nicht mehr wild auf ihren Erdbeermund, sondern höchstens noch auf ihre Erdbeermarmelade.") und schreckt selbst vor üblen Kalauern nicht zurück ("wie Penis aus der Asche steigen").
Hinter dieser Aufgekratztheit tritt immer wieder das Motiv der Vergänglichkeit hervor. Für Kurt geht es darum, sich an einer Wegmarke über sein bisheriges Treiben Rechenschaft abzulegen, oder -- weniger pathetisch ausgedrückt -- darum, das eigene Leben lesen zu lernen. Bis zum bittersüßen Ende bleibt er dabei vor Überraschungen nicht gefeit.
Die Leser auch nicht, doch wer aufmerksam mitliest, ahnt Einiges voraus. Anders als Kurts Vergangenheit präsentiert sich das routiniert geschriebene Buch weit gehend unkompliziert: einfacher, einfach guter Lesestoff -- für den "Altmännersommer" ebenso geeignet wie für "Hamburger Schmuddel". --Patrick Fischer
Kurzbeschreibung
Alles scheint gut und wohlgeordnet im Leben von Kurt - ein schönes Haus, eine liebe Frau, eine hübsche Tochter! Doch als die siebzehnjährige Marie sichtlich verliebt aus dem Ferienlager zurückkommt, trübt nicht nur väterliche Eifersucht die letzten Sommertage. Denn Kurt erkennt im Angebeteten der Tochter den eigenen Sohn, dem er eigentlich hätte nie begegnen sollen. So jedenfalls hatte es die geheimnisvolle Vera nach einem rauschhaften Seitensprung vor langer Zeit arrangiert. Und schon hat Kurt alle Mühe, der aus den Fugen geratenen Wirklichkeit und seinem Gefühlsmix aus Inzest-Angst und lustvollen Erinnerungen, schlechtem Gewissen und Eifersucht wieder Herr zu werden.
Klaus Modick erweist sich einmal mehr als der sensible Seismograph der kleinen und kleinsten Erschütterungen im familiären Beziehungskosmos. Er erzählt dabei mit viel Witz und Hintersinn, wie unsere Geschichten im Kopf in die Geschichten unseres wirklichen Lebens eindringen und die Verhältnisse zum Tanzen bringen.
Über den Autor
Auszug aus September Song. von Klaus Modick. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wäre sie nicht meine Tochter gewesen, hätte ich mich glatt in sie verliebt. Unsterblich. Und auf den ersten Blick.
Sie stand unter der Bahnsteiguhr im Abschnitt C, wandte mir den Rücken zu, bückte sich plötzlich und verstaute irgend etwas in ihrer Leinentasche. Zischend schlössen sich die Türen des Zugs, während der Septemberregen auf Eisen und Glas trommelte. Als sie sich wieder aufrichtete und das hochgerutschte T-Shirt über die Hüften zog, fuhr der ICE fast lautlos ab. Sie drehte sich in meine Richtung, und der Luftstrom wehte ihr die Haare vors Gesicht. Über meinem Kopf ratterte die Anzeigetafel. Sie sah suchend den Bahnsteig entlang und schob sich dabei die Haare mit den Fingerspitzen der linken Hand aus der Stirn. Die Geste erinnerte mich an irgend etwas Vergessenes. Das Gesicht gebräunt, die dunkelblonden Haare strähnig ausgebleicht. Echos von Sonne und Salz im Rauschen des Schauers auf dem Bahnhofsdach. Echos ferner Tage, in denen Liebe noch Leidenschaft gewesen und ... Dumpf muckte mein Zahn.
Weil ich nicht zu spät kommen wollte, war ich viel zu früh am Dammtor gewesen. In der Tiefgarage unter dem Congress Centrum hatte ich nach einigem Suchen einen freien Platz erspäht. Als ich rückwärts einparkte, öffnete sich plötzlich die Tür des neben mir stehenden Wagens. Ich trat auf die Bremse und konnte den Zusammenprall zwischen meinem Rücklicht und der aufschwenkenden Tür noch um ein paar Millimeter vermeiden.
»Blindfisch«, knurrte ich, »Vollidiot«, vollführte eine entsprechend wischende Geste mit der Hand vor der Stirn, brach diese aber sogleich ab, als die dank meiner Geistesgegenwart verschonte Wagentür geöffnet wurde und den Blick auf formvollendete Weiblichkeit freigab. Ich drehte die Seitenscheibe herunter und flötete, da hätten wir zwei ja echt Glück gehabt, was sie mit einem flüchtigen Seitenblick quittierte, der wortlos sprach: Mach mich nicht an, du alter Sack, die Tür verschloß, den Kopf in den Nacken warf und sich hochhackig dem Fahrstuhl entgegenschwang.
»Moment mal!« rief ich ihr nach. »Ich hätte Sie fast gerammt beziehungsweise Sie mich natürlich. So geht's ja nun auch nicht!«
Aber da schlössen sich hinter ihrem hübschen Hintern schon die Fahrstuhltüren. Wie Arme ... Mit der flachen Hand schlug ich aufs Lenkrad. Kavalier am Steuer? Sah ich denn wirklich schon so aus, als daß ich mir mit derart senioraler Betulichkeit einen Flirt herbeijammern mußte? Beim nächsten Mal kracht's aber, dachte ich, da wirst du gebumst, und setzte so abrupt zurück, daß die Stoßstange gegen die Betonwand knirschte und der Motor absoff.
Draußen blies mir warmer Wind ins Gesicht, fuhr mit böigen Stößen durch die Kronen der Platanen, riß erstes Laub von den Zweigen und wirbelte ein Abendblatt übers Straßenpflaster. Über der runden Wölbung des Bahnhofsdachs ballte es sich dunkelgrau und schwarz zusammen. Von Westen grummelte Donner über die Alster. Die Skulptur einer Jugendstilschönheit über dem Eingang schien mich streng anzublicken. Vermutlich mißbilligte sie in sandsteinstarrer Geschlechtersolidarität meine Phantasien aus der Tiefgarage. Schon zuckte ein fast weißer Blitz über den Himmel, und die Gewitterwolken entluden sich in einem Platzregen. Ich setzte mich in Trab, und obwohl es nur noch dreißig Meter waren, kam ich durchnäßt und völlig außer Atem in der Bahnhofshalle an.
Bis zur Ankunft des Zuges waren noch zehn Minuten Zeit. Trotz der Regendusche schwitzte ich, bestellte mir an einem Stehcafe eine Cola mit Eis und trank einen tiefen Zug. Zahnschmerz durchzuckte mein Hirn wie eben der Blitz den Himmel. Ich fuhr mit der Zunge über die Stelle, und der Schmerz verebbte zu einem wunden Pochen. Ich zündete mir eine Zigarette an, inhalierte tief und stieß den Rauch in Richtung des hin und her hastenden Passantenstroms. Ein vages Schwindelgefühl überkam mich, waberte vom Kopf in den Bauch und wieder zurück. Der Sprint, mit dem ich vor dem Regen geflohen war, steckte mir vermutlich noch in der Brust. Ich sog erneut an der Zigarette. Vielleicht war es auch langsam an der Zeit, das Rauchen aufzugeben?
Ich ging zur Treppe, die zum Bahnsteig führt, und sah nach oben. Die Treppe kam mir ungewöhnlich steil und lang vor. Die Rolltreppe war natürlich defekt. Ich zertrat den Zigarettenstummel, nahm die Treppe mit jeweils zwei Stufen pro Schritt in Angriff, spürte das Blut hinter den Schläfen pochen, und als ich den Absatz auf halber Höhe erreicht hatte, stach mir der Zahnschmerz wie eine Nadel bis in die Stirn. Mit der linken Hand hielt ich mich am Geländer fest, mit der rechten massierte ich mir Stirn und Augenbrauen. Wieder verschwand der Schmerz, aber es war, als zöge er sich wie ein lauerndes Monster nur in eine Höhle zurück, aus der es jederzeit ausbrechen würde. Zahnarzt also. Noch heute Abend Termin machen. Stufe für Stufe gemächlichen Schritts die zweite Treppenhälfte hinauf. Mal tief durchatmen.