Aus der Amazon.de-Redaktion
Der September ist ein schwieriger Monat: Soll man im Altweibersommer noch ein unbeschwertes Ferienbuch in Angriff nehmen oder verfärbt sich die Leselaune mit den ersten Herbststürmen ins Melancholisch-Ernste? Wer sich nicht entscheiden mag, greift einfach zum neuen Modick. Der versteht es, ähnlich wie etwa
Nick Hornby, Komisches und Tragisches zu verknüpfen, ohne die Spannung zwischen diesen Polen jemals aufzulösen.
Allerdings ist die Großwetterlage in September Song trotz diverser Kalamitäten, die der Protagonist Dr. Kurt Steenken aus Hamburg heraufbeschwört, überwiegend heiter. Gewiss, der demnächst 50-jährige Lektor eines Schulbuchverlags ist von der Midlifecrisis schwer gebeutelt und der schlimme Verdacht, dass seine Tochter Marie wegen seines lange zurück liegenden Seitensprungs mit der schönen Vera gerade in eine inzestuöse Teenagerliebe mit deren (und seinem) Sohn Curd verstrickt sein könnte, lässt die grauen Haare nicht weniger werden. Aber so richtig glaubt man nie daran, dass den Steenkens tatsächlich "eine Tragödie griechischen oder gar biblischen Ausmaßes" ins bildungsbürgerliche Haus steht -- zu augenzwinkernd und ironisch abgefedert kommt das Ganze daher.
Das kann man als spannungsmindernde Schwäche sehen, gleichzeitig ist es die große Stärke des Buches. Modick muss sich oder uns längst nichts mehr beweisen und er gibt dem Affen Zucker bzw. Kurt reichlich Gelegenheit, sich auf seiner hormonell motivierten Suche nach der verlorenen Zeit (den frühen Achtzigern) zu blamieren, ohne ihn allerdings je zu verraten. Er verwöhnt uns mit glänzenden Dialogen und Monologen (hinreißend: der redselige Zahnarzt Dr. Schwarz) sowie stimmigen Szenen aus deutschen Wohlstandsmilieus. Er liefert nette Pointen ("Ich war ja wirklich nicht mehr wild auf ihren Erdbeermund, sondern höchstens noch auf ihre Erdbeermarmelade.") und schreckt selbst vor üblen Kalauern nicht zurück ("wie Penis aus der Asche steigen").
Hinter dieser Aufgekratztheit tritt immer wieder das Motiv der Vergänglichkeit hervor. Für Kurt geht es darum, sich an einer Wegmarke über sein bisheriges Treiben Rechenschaft abzulegen, oder -- weniger pathetisch ausgedrückt -- darum, das eigene Leben lesen zu lernen. Bis zum bittersüßen Ende bleibt er dabei vor Überraschungen nicht gefeit.
Die Leser auch nicht, doch wer aufmerksam mitliest, ahnt Einiges voraus. Anders als Kurts Vergangenheit präsentiert sich das routiniert geschriebene Buch weit gehend unkompliziert: einfacher, einfach guter Lesestoff -- für den "Altmännersommer" ebenso geeignet wie für "Hamburger Schmuddel". --Patrick Fischer
Pressestimmen
»Intelligent und literarisch beschlagen, hat Klaus Modick fest ein Publikum im Blick, das nicht gewillt ist, sich langweilen zu lassen.« Walter Hinck, Frankfurter Allgemeine Zeitung
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.