Richard Montanaris "Septagon" ist der vierte Krimi mit dem Ermittlerduo Kevin Byrne / Jessica Balzano, das sich der Verbrechensbekämpfung in Philadelphia verschrieben hat. Doch muss Neueinsteigern nicht bange sein, denn die sogenannten Metaplots halten sich in engen Grenzen, bestimmte Umstände wie die Gehörlosigkeit von Byrnes Tochter werden so ähnlich erklärt wie schon dreimal zuvor. Hier lautete das Ziel ganz klar, sowohl neue Leser einzuladen als auch Kennern der Reihe ein Zuhause zu geben.
An dieser Stelle sollte man wohl ansetzen, wenn man eine Kritik über "Septagon" schreiben möchte. Denn das Gesetz der Serie ist hier vorhanden - mit allen Vor- und Nachteilen. Fangen wir doch einfach mal mit den Nachteilen an: Der Plot läuft im Grunde ab wie immer. Es werden von einem wahnsinnigen Mörder schöne junge Mädchen bzw. Frauen getötet. Dieser Mörder hat von Fall zu Fall ähnliche Neigungen, eine ähnliche Vergangenheit und führt die Ermittler mit ähnlich skurrillen, narzisstischen Hinweisen auf seine Spur. Gerade deshalb lässt sich für geschulte Leser auch der Mörder mal wieder recht früh erahnen. Man könnte grob sagen: Kennt man einen, kennt man alle.
Aber genau da fängt auch das Positive an. Denn es kauft sich doch niemand den vierten Band einer Krimireihe, wenn er nicht genau das erwartet. Dass es nach einem bestimmten Schema abläuft, dass junge Frauen ermordet werden und dass vom Fall unabhängige Ereignisse im Leben der Ermittler eine eher untergeordnete Rolle spielen. Und genau das bekommt man auch diesmal geboten. Ich kann Montanari allerdings gut verstehen, dass sein demnächst erscheinender neuer Roman andere Protagonisten haben wird, denn damit sich bestimmte Settings nicht totreiten, muss wohl auch manchmal eine Atempause eingelegt werden.
Zum Einzelbuch selbst ist eigentlich nur zu sagen, dass diesmal Freunde von Rätseln und Kunststücken bedient werden. Das erinnert doch ein wenig an "Lunatic", aber hier wird dann doch eine etwas andere Richtung eingeschlagen. Montanari hat offensichtlich viel und sauber recherchiert - oder zumindest gut erfunden - und das merkt man der Geschichte auch an. Die Ermittlungsschritte sind logisch und nachvollziehbar, auch wenn hier und da noch der alte Kniff auftaucht, bestimmte Schritte künstlich hinauszuzögern, um den Mörder nicht zu früh auffliegen zu lassen.
Die Nebenfiguren des Buchs sind mittelmäßig bis gut charakterisiert. Die ihnen anhaftende Überraschung gegen Ende wirkt auch etwas gewollt, aber man kann ja nicht alles haben. Den Fehler, seine Nebenfiguren allzu blass aussehen zu lassen und daher das Interesse des Lesers an der Aufklärung des Falls kaum steigern zu können, macht Montanari jedoch nicht. Zudem ist die Brutalität, die den Opfern zuteil wird, relativ gut "dosiert". Was zynisch klingen mag, hat für mich einen ganz einfachen Hintergrund, denn Gewaltorgien à la Cody McFadyen sind eben nicht jedermanns Sache (siehe dazu meine entsprechenden Rezensionen). Hier dagegen wird an den richtigen Stellen die gute alte Notbremse gezogen, so dass niemandem übel werden muss.
Zu guter Letzt ist erwähnenswert, dass nicht nur die bekannten Ermittler ein heimeliges Gefühl vermitteln, eine Art Wiedersehensfreude. Auch das offensichtlich sehr innige Verhältnis Montanaris zu "seinem" Philadelphia schimmert zwischen jeder Zeile durch. Ich weiß nicht, ob der Autor selbst dort wohnt oder gewohnt hat, doch schafft er es, seinen Lesern ein Gefühl dafür zu geben, wo sie sich überhaupt befinden. Der englische Originaltitel lautet so auch nicht "Septagon" sondern "Badlands" - ein klarer Hinweis, auf welche so genannte Gegend Philadelphias wir uns als Schauplatz einstellen dürfen. Somit ist vor allem das Philadelphia Montanaris mein Krimi-Wohnzimmer.
Zum Hörbuch:
Matthias Koeberlin ist meiner Ansicht nach ein weiterer positiver Vertreter von Deutschlands hervorragender Riege an Synchronsprechern und Vorlesern. Er hat eine sehr variantenreiche Stimme, was man gerade an der Figur Kevin Byrne bemerkt, der er eine charakteristische Reibeisenstimme verpasst, während Jessica Balzano wesentlich höher spricht. Zudem kann er nicht nur in verschiedenen Sprachtypen sprechen, sondern diese auch noch nach Stimmungslage abschattieren, etwa in nervös, ängstlich, selbstsicher, arrogant, aggressiv und so weiter. Dafür mein Kompliment.