Kann es nach einem so grandiosen Debut wie "Somebody Outside" überhaupt ein würdiges Nachfolgealbum geben? Die kurze Antwort lautet: ja. Anna Ternheim legt einen kleinen Geniestreich nach. Die Versuchung wäre sicherlich groß gewesen, das erfolgreiche Debut in Stil und Stimmung zu kopieren, aber Anna Ternheim geht deutlich darüber hinaus.
Faszinierten beim Erstlingswerk die durchweg eher spröden Arrangements, so finden sich dieses Mal einige perfekt produzierte Songperlen wie z.B. "Girl Laying Down" mit beinahe bombastischen Streichern, die allerdings durch das schräge Honkytonk-Piano sofort konterkariert werden, oder das episch-breite "Lovers Dream". Daneben gibt es aber auch ganz intensive unplugged-Momente mit "No Subtle Men", "Tribute To Lynn" oder "Halfway to Fivepoints".
Anna Ternheims Songwriting ist mindestens ebenso exzellent wie auf ihrem Debut, auch wenn die Stücke in viel kürzerer Zeit entstanden sind. Für meinen Geschmack (und nach etlichen Wochen Dauerrotation im Auto und zuhause) ist "Separation Road" sogar insgesamt melodischer und eingängiger gelungen, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang seicht zu wirken. Und wer immer noch glaubt, dass Anna Ternheim nur düstere Stücke schreiben kann, höre sich einmal "Today Is A Good Day" an. Solch positive, catchy hooks sucht man auf ihrem Debutalbum vergebens.
Eine Sache macht Anna überaus geschickt: Sie walzt ihre Ideen nicht bis zum Allerletzten aus. Chorus-Repeats und Endlosblenden sind ihre Sache nicht. Folglich kratzen einige Songs gerade mal an der 3-Minuten-Grenze, aber man hat das Gefühl, dass jeder Ton sitzt, und keine Sekunde kommt Langeweile auf. Im Gegenteil: ist die CD durchgelaufen, schnippt man beinahe automatisch auf die "Repeat"-Taste...
Dem Klangbild hat die Investition in exzellente Studiotechnik gut getan: hört man "Somebody Outside" die Low-Budget-Produktion stellenweise recht deutlich an, so klingt "Separation Road" weitaus atmosphärischer, klarer, vielschichtiger.
Fazit: Unbedingte Empfehlung. Und wer das Glück hat, Anna Ternheim live sehen zu können - nichts wie hin. Ihr Konzert im Bielefelder Ringlokschuppen OHNE Begleitband war an Intensität kaum zu überbieten.