es wird herbst! wer das beim blick durch verregnete fensterscheiben ins kalte grau noch nicht geahnt hat wird spätestens beim besuch des plattenladens mit der nase darauf gestoßen. wie jedes jahr weichen die "sommerhits" der saison zarteren klängen, passend zum emotionalen geschehen in den köpfen der konsumenten. so findet sich denn auch ein neues album von nils landgren, dem posaunist aus schweden, "mr. red horn", der seit einigen jahren zu den festen größen in europas musikszene gehört und gerade in der deutschen jazzgemeinde hohe anerkennung genießt, unter anderem durch die musikalische leitung beim berliner jazzfestival 2001.
nach einem relativ hohen output an eher groovenden alben mit seiner "funk unit" schlägt auch er bewusst leisere töne an, einen wunsch den er sich, wie er sagt, bereits seit längerer zeit erfüllen wollte. nach dem gleichfalls ruhigen "layers of light" nimmt er uns mit auf seine "sentimental journey". "to renew old memories" heißt es im gleichnamigen song von les brown, wobei die erinnerungen in diesem fall einen durchaus beachtlichen zeitraum in der geschichte des jazz abdecken und den rahmen durch geschickte interpretation durchaus zu verlassen fähig sind. so finden sich neben klassikern wie duke ellington's "in a sentimental mood" oder kurt weils wunderbarem "speak low" auch stücke, die vor nicht allzu langer zeit ihre auftritte in den mainstream-charts hatten. sting's "fragile" konnte man sich ja auch bisher durchaus jazzig vorstellen, gloria gaynor's "i will survive" hingegen musste schon mit sehr viel mut neu interpretiert werden. für landgren, dem die erfahrung mit funk und soul ja keineswegs fehlt, war jedoch auch dies keine unlösbare aufgabe.
er ist also mit keinen eigenen kompositionen auf dem album vertreten, und manchem mag die idee jazzklassiker zu "kopieren" nicht wahrhaft innovativ erscheinen. zugegeben, plagiat gibt es genug. landgren jedoch vermag den grat zwischen salonmusik mit schlichter klavierbegleitung und einem jazzarrangement so charmant zu beschreiten dass er sich durch seinen stil hervorzuheben vermag. nicht unwesentlich daran beteiligt ist wohl seine stimme, eine gesangsausbildung hat er jedoch nie erhalten. so bietet sie einerseits einen gegenpart zum voluminöseren klang der posaune und unterstreicht andererseits das schnörkellose arrangement der platte. sehr pointiert und klar findet sich zwar nur wenig timbre, landgrens kopfstimme kann dennoch eine sehr "durchsichtige" sanftheit ausstrahlen die durch die hohe tonlage gleichzeitig- man möge mir diesen ausdruck verzeihen - sehr "unisex" wirkt. in folge dessen wundert man sich oft wie viel an emotion diese stimme zu transportieren vermag und wie nüchtern und abgeklärt der sänger an anderer stelle klingt.
nüchtern, teils gar minimalistisch, hält sich auch das an den aufnahmen beteiligte "flesh quartet", ebenfalls schwedischer herkunft. mit sehr akzentuiertem arrangement sorgen sie gleichsam für den "schattenwurf" in der musik, bringen den zarten charakter von landgren's klangwelten noch besser zur geltung. das volle bouquet erlangt die musik letztlich durch piano, bass und perkussion. interessanterweise entnehmen wir dem booklet dass die drei musiker anders widmark, lars danielsson und wolfgang haffner noch nie miteinander gespielt haben. die weise in der sie harmonieren zeugt nicht nur von ihrer professionalität sondern vermutlich auch von nils' musikalischer vorstellungskraft... lobend zu erwähnen sind noch rigmor gustafsson und viktoria tolstoy, die im duett mit nils in "fragile" respektive "be there for you" für zwei emotionale höhepunkte der platte sorgen.
insgesamt also ein beeindruckendes album, auf dem eigentlich jeder track zu gefallen weis. allerdings - und das ist mein einziger kritikpunkt - ist das werk wirklich nur etwas für ruhigere stunden. wo groovigere alben wie "fonk da world" auch in größeren gruppen für stimmung sorgten bleibt "sentimental journey" wirklich dem hausgebrauch vorbehalten. wer sich wie ich schon auf ruhige winterabende mit tee und einem guten buch freuen kann oder sich zu zweit gemütliche stunden machen will sollte bedenkenlos zugreifen.