Wenn man das jüngste Werk der Norweger zusammengefasst betrachtet, stellt "Junior" eindeutig das komerzielle Zugpferd dar, während wir mit "Senior" auf eine experimentelle und individuelle Reise mitgenommen werden. Auch für Röyksopp-Fans dürfte der Stil dieses Albums recht gewöhnungsbedürftig sein. Es ist dabei schwierig, Senior als Einzelwerk zu betrachten, denn rein inhaltlich ist der Umfang in meinen Augen zu gering für eine Stand-Alone-Produktion.
Rein von der Namensgebung her kann man bereits erahnen, was den geneigten Zuhörer erwartet. Interessanterweise ist es relativ leicht, die beiden Alben miteinander zu vergleichen. "Junior" ist das Lebensgefühl der jungen Generation: Flippig, energetisch, rhytmisch, klar und fokussiert, mit ausreichend Glamour und Drama. "Senior" dagegen betrachtet die Welt aus den Augen eines erwachsenen, vielleicht sogar alten, weisen oder senilen Menschen: Die Wahrnehmungsgrenzen vermischen sich, zwischen den Melodien ertönen verschwommene Erinnerungen an Vergangenes. Nostalgie, Melancholie und auch ein bisschen Zukunftsangst wurden in den psychedelischen Klangteppich eingewoben. Es ist faszinierend, diesen Kompositionen zu lauschen.
Abgesehen von der durchaus gelungenen kreativen Arbeit ist das Album relativ untypisch für das allgemeine Schaffen von Röyksopp, welche sich ja eher mit stylischen Disco- und Lounge-Tracks auseinandergesetzt haben. Wer radiokompatible Songs wie "What Else Is There?", "Eple" oder "Only This Moment" erwartet, dürfte hier eine herbe Enttäuschung erleben. Selbst neuere Kracher wie "This Must Be It" oder Schnulzen à la "Miss It So Much"/"Sparks" werden nicht zu hören sein. Es wird sogar komplett auf Gesang in jeglicher Form verzichtet.
Stattdessen weckt das Album tatsächlich Erinnerungen, vor allem an ähnliche Künstler. Einige der Tracks orientieren sich stark am düsteren Stil von Anders Trentemøller, Air oder gar an den synthetischen Poprock-Klimpereien der Gorillaz. Es fällt auf, das Röyksopp bei "Senior" verstärkt zu natürlichen Intrumenten wie Gitarren greifen um ihre Songs zu vervollständigen. Das klappt erstaunlich gut, obwohl ich insgeheim hoffe, dass dies in Zukunft nicht überhand gewinnt.
Als langjähriger Röyksopp-Fan vermisse ich etwas den Optimismus in diesem Werk, auch wirkt es recht kurz und einheitlich. Mehr Abwechslung hätte vermutlich das I-Tüpfelchen beschert. Auch ein oder zwei Tracks mit wenig Text oder Rhytmus hätten der Stimmung vielleicht etwas mehr Schwung gegeben. Moby hat das im Track "Whispering Wind" damals äußerst gut hinbekommen und Röyksopp haben bereits gezeigt, dass sie ähnliches bewerkstelligen können. Den Track "Tricky Two" empfinde ich als unnötige und anstrengende Remixversion, die sich auch krass vom Rest der CD abhebt, aber wenig neuen Input liefert. Das Original war deutlich besser und eingängiger. Alle anderen Songs kann man jedoch getrost als Anspieltipps empfehlen.
Alles in allem ein sehr gutes Album. Trotzdem hoffe ich wieder auf einen funky Nachfolger!