Wer sich intensiver, wissenschaftlich fundierter, mit Seneca beschäftigen will, der sollte zu „Die Kürze des Lebens“ und seinen anderen Werken greifen. Dort gibt es eine interessante Einleitung, ausführliche Anmerkungen und den kompletten Text auf Deutsch und Latein.
„Seneca für Gestreßte“ klingt erst einmal etwas abschreckend, weil es befürchten läßt, daß hier irgendwelche Zitate aus dem Zusammenhang gerissen wurden, damit sich die 2000 Jahre alten Weisheiten Senecas besser vermarkten lassen. Das kann ich nicht bestätigen. Die Essenz von „Die Kürze des Lebens“ findet sich in diesem gut 100-seitigen Büchlein, sortiert nach Themen wie „Du und dein Leben“ und „Wege zum Glück“. Ein Register hilft rasch nach einem bestimmten Thema zu suchen, insofern ist diese Ausgabe also durchaus für eine optimale Vermarktung zugeschnitten, ohne aber den Sinn der Texte zu verfälschen.
Neben „Der Kürze des Lebens“ wird aus „Das glückliche Leben“, „Der Zorn“, „Die Vorsehung“, „Die Seelenruhe“ u.a. zitiert. Das Buch eignet sich also sehr gut als Einstieg in einer tiefergehende Beschäftigung mit Seneca.
Trotz seines Alters von immerhin 2000 Jahren wirken Senecas Worte ungleich frischer als die modernen Selbsthilfebücher. Im Gegensatz zu den selbst ernannten Motivationsexperten, die predigen, daß das Glück im Optimieren der Zeit, und in der raschen Vermögensvermehrung besteht, sind Senecas Texte würdervoller und hilfreicher. Ein Motivationslehrer ganz ohne verkrampftes Dauerlächeln und peinliche Anglizismen! Doch auch für den Lehrer Neros gilt die gleiche Kritik wie für alle, die andere belehren wollen. Wie steht es mit der Glaubwürdigkeit? Wasser predigen und Wein trinken. Große Reden schwingen und Verzicht predigen ist sehr leicht, wenn man selbst ausgesorgt hat. Und das hatte Seneca, der ein reicher, berühmter und privilegierter Mann war. Jedes Wort hält also ein kritischen Überprüfung nicht stand. Dennoch kann der interessierte Leser großen Nutzen und viel Trost aus diesem Buch schöpfen.