Das Dilemma ist offensichtlich. Wie schreibt man eine Biografie über einen Menschen, der kaum biografische Daten hinterlassen hat? Unter den antiken Geschichtsschreibern erwähnt lediglich Tacitus in den „Annalen" Seneca ausführlich. Nicht einmal Senecas Nachfolger in der stoischen Schule, Epiktet und Mark Aurel, haben ein Wort für den großen (?) Vorgänger übrig.
Später usurpierten die christlichen Lehrmeister Seneca. Die Zuneigung zu dem römischen Philosophen gründet auf dessen angeblicher Kirchennähe, die sich aus einem Briefwechsel mit dem Apostel Paulus ergeben soll. Der Briefwechsel ist aber leider wohl gefälscht.
Dummerweise hat Seneca, anders als etwa Cicero, über sich selbst kaum etwas geschrieben. Deshalb trickst der Autor. Er versucht, das überlieferte Werk Senecas mit seinen Spuren in der Geschichte zu verknüpfen. Immerhin war Seneca Erzieher und Premierminister des Kaisers Nero.
Das Experiment ist gelungen. Durch die Einbettung in den historischen Kontext wird der Leser kurzweilig hin- und hergeführt zwischen einer Einführung in die Philosophie Senecas und Sex and Crime im julisch-claudischen Kaiserhaus.
Dankenswerterweise vermittelt Fuhrmann vom Stoizismus des Seneca gerade einen ersten Überblick. So wird der Einsteiger nicht von der Lawine Schwulst und Langatmigkeit erstickt, die einem ohne Vorwarnung aus anderen Büchern über den Philosophen oder gar den Werken Senecas selbst entgegen quillt.
Dass Senecas Werk nicht das letzte Wort ist, sondern häufig durchschnittlicher Philosophen-Senf, streitet glücklicherweise auch Fuhrmann nicht ab. Er würdigt Senecas Werk mit Sympathie, verliert die Schwächen des Meisters der marinierten Lebensweisheiten aber gleichfalls nicht aus den Augen.
Die Schilderung der Epoche Nero unterhält, kommt aber über einen konventionellen Abriss nicht hinaus. Hat Agrippina Claudius wirklich ermordet? Tötete Nero seinen Bruder Britannicus und seine schwangere Frau Poppea Sabina? Die neuere Forschung macht hier immer dickere Fragezeichen. Und dass Nero wirklich nicht mehr war als ein Psychopath vom Schlage Caligulas, darf heute doch wohl eher bezweifelt werden. Immerhin erwähnt auch Fuhrmann, dass das Volks seinen Kaiser innig liebte, und zwar über seinen Tod hinaus.
Nach der Lektüre habe ich mir gleich Fuhrmanns Cicero-Biographie bestellt. Sicherlich ist die auch für einige interessante Lesestunden gut.