Nein, das im Zusammenhang mit jungen Literatinnen wie Zoe Jenny oder Judith Hermann viel zu oft ins Feld geführte Etikett "Fräuleinwunder" will ich Terézia Mora lieber ersparen. Dabei haftet ihrem Erzählband "Seltsame Materie" durchaus etwas Wunderbares an. In unpretentiöser aber ungeheuer poetischer Sprache schildert sie Episoden aus einer fremdartigen Welt. Die liegt irgendwo zwischen Ungarn und Österreich, und ihre Bewohner sind nicht selten von einer Heimatlosigkeit und Verlorenheit gezeichnet, wie sie in dieses Grenzland paßt, wo noch vor wenigen Jahren mehr aufeinanderprallte als nur ein Gemisch von Kulturen. Dabei ist "Seltsame Materie" nichts weniger als eine historisch bemühte Aufarbeitung des Ost-West Konfliktes. Die Reibungen - Eros und Gewalt lauern an jeder Ecke - spielen sich hier im Privaten ab, zwischen den Generationen etwa, zwischen Ehepaaren oder unter Geschwistern. Terézia Mora beherrscht die seltene Kunst mit wenigen Worten ein Universum zu erschaffen, in dem man beständig Bildern, Figurenzeichnungen und Gefühlszuständen begegnet, die einem bekannt vorkommen, sofern man nicht zu latenter Fröhlichkeit neigt.Melancholie durchzieht die Geschichten, die stets offen genug bleiben, um mit eigenen Assoziationen gefüllt zu werden. Nie aber gewinnt absolute Hoffnungslosigkeit die Oberhand. Es ist ungemein passend, daß die Autorin den Ingeborg-Bachmann Preis erhalten hat. Wie in den Erzählungen der Österreicherin nämlich, so finden sich auch in "Seltsame Materie" vielfach Sätze, die eine ganze Welt mit wenigen Worten umschließen. So ist dieses Buch ein poetisches Glanzstück, daß zur mehrmaligen Lektüre einlädt. Ein Favorit für die vielzitierte einsame Insel !