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"Mangel an Gewalttätigkeit, verbunden mit großer Allüre und verspielter Gescheitheit, die auch auf unauffällige musikalische Zusammenhänge aufmerksam machen kann" -- so fasst Joachim Kaiser seinen Eindruck von Wilhelm Kempffs Klavierspiel in wenige prägnante Worte. Gewiss, deutsche Pianisten stehen seit jeher nicht in dem Ruf, Klaviertiger oder Tastenakrobaten zu sein, sondern werden eher als Grübler oder gar als Gelehrte mit erhobenem Zeigefinger ohne sonderliche Suggestivkraft auf sinnlicher Ebene gefürchtet. Wilhelm Kempff will in diese Schublade nicht passen. Wenn sein Spiel auch technische Grenzen aufweisen mag, so liegt in der Klarheit und Durchsichtigkeit seines Anschlags und seinen oft recht sportlichen Tempi doch ein zwar kühler, aber dennoch alles andere als nur verstandesgenerierter Zauber.
Kempffs Interpretation von Gabriel Faurés "Nocturne Nr. 6, op. 63" zeugt von umfassendem Einfühlungsvermögen in diese verträumte, zarte Musik des französischen Fin de siècle, und Chopins "Fantaisie-Improptu cis moll, op. 66" gerät unter seinen Händen zwar äußerst schlank im Klang, aber offenbart dennoch ein hohes Maß an Leidenschaftlichkeit und feinnerviger Gespanntheit.
Virtuosität wirkt sich bei Kempff nicht in Form von Lautstärke und Kraftentfaltung aus, sondern liegt vielmehr in seiner detaillierten Fingerfertigkeit, die niemals das hohe Risiko kompromisslos offenen Spiels ohne rettende Pedaleffekte scheut: Atemberaubend ist zum Beispiel sein Galopp durch den Finalsatz von Mozarts "Klavierkonzert C-Dur Nr. 21", das die erste der beiden CDs dieser Box eröffnet. Es handelt sich übrigens um den Mitschnitt einer Rundfunkübertragung von 1939.
Johann Sebastian Bachs Klaviermusik hingegen war auch für Kempff nicht ohne romantische Geste und mystische Pianoeffekte denkbar, aber hier bewähren sich Klarheit und Formbewusstsein: Die "Chromatische Phantasie und Fuge" verliert in dieser pathosgeladenen Version durchaus nicht ihren Reiz, zumal die polyphone Struktur der Fuge äußerst präzis herausgearbeitet wird -- allerdings mit den barockfremden Mitteln der dynamischen Abstufung, wie auf verschiedenen Manualen einer Orgel gespielt. Nicht überzeugend ist hingegen Kempffs Bearbeitung des berühmten "Chorals aus der Kantate 147": In übergroßer Sparsamkeit lässt er die umspielende Stimme bei einigen Choralpassagen weg und nimmt dem Stück damit einen bedeutenden Teil seines Reizes. Hier muss entschieden auf Dinu Lipattis Version verwiesen werden. Das ändert jedoch nichts an dem Gesamtwert dieser Doppelbox, die den deutschen Pianisten, der vor allem mit seinen Beethoven- und Schumann-Interpretationen in die Geschichte eingegangen ist, einmal auch von weniger bekannter Seite zeigt. --Michael Wersin