Aus der Amazon.de-Redaktion
Musikalisch hält sich das Quintett behutsam zurück, komponierte einen luftigen Rahmen für die blütenfeinen Reime, stimmlich von Sarah Connor (erstmals auf Deutsch), Xavier Naidoo, Yvonne Catterfeld, Reinhard Mey, Hartmut Engler (Pur), Thomas D, Joy Denalane, Jasmin Tabatabai, Volkan Baydar (Orange Blue), Inga Humpe (2raumwohnung), Stefanie Kloß (Silbermond) und Ute Lemper umgesetzt.
Xavier Naidoo beweist mit Spätnachmittag wieder einmal Talent für wohldosiertes Gefühl, Reinhard Mey ist ein Meister der Nuancen, siehe Abend I, Inga Humpes Stimme auf Frühling ist allein schon Poesie, was auch für Jasmin Tabatabai gilt, die mit Ich bin die Nacht orientalisches Flair einbringt. Auch wenn inzwischen sowohl der Gedichtband und auch das Hörbuch mit Iris Berben vorliegen, ist diese Musik-CD ein Poesiealbum der ganz besonderen Art und ein wunderbares Geschenk dazu. -- Ingeborg Schober
Kurzbeschreibung
Selma Meerbaum-Eisinger gehört zusammen mit Rose Ausländer und Paul Celan zum literarischen Dreigestirn von Czernowitz. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verfolgung schrieb die junge Lyrikerin Gedichte, die in ihrer zeitlosen Ästhetik weit mehr als nur ein Zeugnis der drohenden Vernichtung des osteuropäischen Judentums und seines blühenden kulturellen Lebens sind. Die Poesie Selma Meerbaum-Eisingers drückt Sehnsucht, Hoffnung und Lebenswillen aus, was ihrem Werk eine immerwährende Gültigkeit und zeitübergreifende Aktualität verleiht. In reiner, klarer, eindringlicher Sprache erzählen die Gedichte von den Gefühlen und Träumen eines jungen Mädchens an der Schwelle des Erwachsenwerdens und über das zarte Glück der ersten Liebe. Die Ehrfurcht vor der Schönheit und lebendigen Kraft der Natur sind genauso Thema wie die Allgegenwärtigkeit von Tod und Trauer.
Das Werk Meerbaum-Eisingers verdankt seine Faszination der Spannung zwischen mädchenhaft-jugendlicher und gesellschaftlich-historischer Thematik, seiner Bandbreite von Motiven und Bildern sowie der Eigenständigkeit in seiner formalen Umsetzung und Ästhetik. So spricht Rose Ausländer selbst über die Lyrik ihrer Dichterkollegin von "Weltliteratur, die die Welt nicht kennt". Die deutsche Lyrikerin Hilde Domin über Selma: "Trotz des Sonderschicksals ist dies ein Werk, das deutlich ins Gut der deutschen Poesie gehört, nicht der spezifisch Jüdischen. Es ist eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht".
"Wer Lust zu lieben hat, steht von den Toten auf", schreibt Robert Walser, "und nur wer liebt, ist lebendig". Der schweizer Musiker David Klein hat mit Olivier Truan und Michael Heitzler zwölf von Selmas Gedichten vertont und einige der renommiertesten deutschen Sängerinnen und Sänger aus allen Generationen haben Selma ihre Stimme gegeben, um sie mehr als sechzig Jahre nach ihrem Tod wieder lebendig werden zu lassen. Sie interpretieren die subtilen Wortgefüge, die Sprachkunst und die Gefühle der lebenshungrigen Selma so behutsam und respektvoll, als wollten sie dem Glanz dieser jugendlichen Poesie nicht die Leuchtkraft nehmen. Zusammen mit vielen Gastmusikern haben sie unvergessliche Lieder geschaffen, die tief ins Herz gehen.
Trotz der unterschiedlichen stilistischen Herkunft der zwölf Interpreten entsteht keineswegs ein Sammelsurium, sondern ein in sich geschlossener Liederzyklus, der das Gegensätzliche vereint. Die Kompositionen bewegen sich zwischen dem klassischen Kunstlied, der jüdischen Klezmermusik, Pop und Jazz, entwickeln dabei aber einen eigenen, unverkennbaren Stil. Obwohl sie von drei unterschiedlichen Komponisten stammen: dem Saxophonisten David Klein, dem Klarinettisten Michael Heitzler und dem Pianisten Olivier Truan (der ein an Robert Schumann erinnerndes Faible für instrumentale Nachspiele hat, womit die Gedichte auch eine "absolut-musikalische" Interpretation erhalten). Die Poesie der Texte wird von der zurückhaltenden Musik sanft getragen. Eine leise Melancholie perlt aus den Liedern. Tröpfchenweise. Sie fließen in einen klaren Fluss ungestillter Sehnsucht, unschuldiger Neugier auf das große Abenteuer Leben.
Anlässlich der Musik- CD veröffentlichte der Hoffmann und Campe Verlag den Gedichtband "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt" als gebundene Jubiläumsausgabe, sowie das Hörbuch mit Gedichtrezitationen, gesprochen von Iris Berben.
Initiator David Klein versteht die CD "Selma-In Sehnsucht eingehüllt" als Teil eines Gesamtkonzepts, welches neben der Musik- CD auch das von ihm initiierte, bundesweite Schulprojekt [Chasak-Sei stark.Selma] unter der Ägide der gemeinnützigen Jugendinitiative step21 umfasst. Ziel des Programms ist es, Jugendlichen eine neue, kreative Herangehensweise an den Holocaust anzubieten, der über die rein kognitiven Angebote im Schulunterricht hinausgeht.
Im Mittelpunkt des Schulprojekts steht die Entwicklung pädagogischen Unterrichtsmaterials, welches mit verschiedenen Medien, Software und konkreten Unterrichtsbausteinen eine vielschichtige und kreative Auseinandersetzung mit der jüdischen Kultur, Rassismus und Diskriminierung ermöglicht. Darin ist auch die CD "Selma-In Sehnsucht eingehüllt eingebunden. Das Unterrichtspaket ist kostenlos bei step21 erhältlich.
Begleitend dazu startete step21 im Sommer 2007 den Schreibwettbewerb "Was geht mich eigentlich Selma an?". Mit Selma Meerbaum-Eisinger als Ausgangspunkt haben über 500 Jugendliche aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz und Italien in ihren Beiträgen einen sehr persönlichen Zugang zu Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung – damals und heute – gefunden. Seit Juni 2008 touren step21-Medienpädagogen mit dem multimedialen Unterrichtspaket [Chasak – Sei stark. Selma], durch Schulen und Jugendeinrichtungen in Berlin, Brandenburg und Hamburg. Auf den Medien-Workshops sind viele eigene Songs, Gedichte, Theaterstücke und Radiobeiträge über Selma entstanden. Aufgrund der überwältigenden Resonanz wird die Tour im Herbst 2008 fortgesetzt.
David Klein sieht "Selma" als Chance, diese einzigartigen Texte und ihre Botschaft - den Glauben an Menschlichkeit, Liebe und Zukunftshoffnung - in einer zeitnahen Kunst einem breiten Publikum näher zu bringen.
"Es ging mir nicht darum, Selma unter dem Aspekt der Betroffenheit einen musikalischen Nachruf zu schreiben." sagt David Klein. "Selbstverständlich vergessen wir nicht Selmas Lebensbedrohung. Aber wir sehen sie in unseren musikalischen Interpretationen als eine junge Frau, die ihre Liebe so intensiv lebt, wie es heute die Menschen auch tun."
Ein Mithäftling von Selma im SS-Arbeitslager Michailowska soll einmal zu ihr gesagt haben: "Sie sind eine Blüte, deren Duft noch die Welt erfreuen wird." Zum Glück hat er recht behalten.
Biographie der Mitwirkenden
"...mit Selmas Gedichten habe ich die Heimat herumgetragen und hierher gebracht."
Selma liebte Blumen und die Natur. Sie liebte Rilke, Heine und Tagore. Sie liebte den Sommer und im Sommer schrieb sie über den Herbst. Oft stand sie lange an einen Baumstamm gelehnt, den Blick in die Ferne gerichtet, abwesend hier und anwesend dort, wo Träume geboren wurden.
Selma wusste, dass die Stadt, in der ihre Träume hätten Wirklichkeit werden können, "nun ganz fern ist, wie ein Bild aus einem alten Märchen." In ihrem Gedicht "Rote Nelken" sagt sie es beinahe entschuldigend, so, als ob sie sich damit abgefunden hätte, dass es ihr nicht mehr zustünde, diese Sehnsucht, dieser Wunsch nach Lachen und Glücklichsein:
"..so hör' ich hab für dich gelacht."
Ein 1968 in der DDR erschienenes Buch sorgte für die Entdeckung von Selmas Gedichten. Der Herausgeber hatte durch Zufall zwei ihrer Gedichte in Bukarest gefunden. Eines druckte er ab, ohne zu ahnen, was er damit in Bewegung brachte. Hersch Segal, 1940 Selmas Klassenlehrer, las dieses Buch in Israel und wandte sich an seine ehemalige Schülerin Renée Abramovici, die ihm von Selmas Gedichtband erzählte.
Hersch Segal hat alle erhalten gebliebenen Gedichte Selmas nach dem Krieg unter dem Namen "Blütenlese" als Privatdruck herausgebracht. Danach galten die Gedichte jahrzehntelang als verschollen, bis der Journalist und Autor Jürgen Serke Selmas Spur aufnahm und 1985 ihre Gedichte unter dem Titel "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt" veröffentlichte. Gewidmet hatte Selma ihren Gedichtband dem ein Jahr älteren Lejser Fichman.
"Und hast du auch noch tausend Sterne in der Hand, sie kann noch zehnmal tausend tragen", heisst es in einem ihrer Gedichte. Sie sprechen von ihrer Liebe und von der Ahnung, dass sie sich nicht erfüllen wird. Die deutsche Lyrikerin Hilde Domin über Selma: "Ihre Begabung steht sicher auf einer Stufe mit dem jungen Hofmannsthal. Trotz des Sonderschicksals ist dies ein Werk, das deutlich ins Gut der deutschen Poesie gehört, nicht der spezifisch jüdischen. Es ist eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht".