Poesie und Musik waren schon immer eine Einheit, weil Songtexte manchmal eben Gedichte sind. Einen Schritt weiter in der medialen Kollaboration gehen aber Produktionen, die alte Lyrik neu vertonen. Ein Beispiel ist das dreiteilige "Rilke-Projekt" oder im November 2005 das "Selma-Projekt": Ein kleines Büchlein mit CD, in denen der Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger gedacht wird. Ein Poesiealbum!
Jenes 15-jährige jüdische Mädchen aus Czernowitz (in der heutigen Ukraine) schrieb diese tiefgehenden, berührenden und zeitlosen Gedichte 1940 / 41, kurz vor ihrer Deportation in ein deutsches Konzentrationslager, wo sie mit nur 18 Jahren verstarb.
Das Blütenmotiv auf dem CD-Cover stammt übrigens von Selmas handgeschriebenem Gedichtband "Blütenlese", das lange als verschollen galt und viele Jahre später in der DDR unter dem Titel "In Sehnsucht Eingehüllt" wieder auftauchte. Weitere Jahrzehnte später entdeckte sie David Klein vom World Quintet und komponierte hinreißende Musik zu dieser einfachen und schönen Lyrik.
Die subtilen Wortgefüge und musikalischen Schwingungen werden von den besten deutschen Stimmen vorgetragen, die alle genügend akustischen Raum zur Entfaltung bekommen. Sarah Connor (erstmals auf Deutsch) erinnert an Barbara Streisand, Xavier Naidoo ist großartig wie immer und selbst Yvonne Catterfeld passt hier sehr gut. Sie gehen nicht nur höchst gefühl- und respektvoll mit den textlichen Vorlagen um, sie nehmen sich sogar so weit zurück, als ob sie dem Glanz dieser jugendlichen Poesie nicht die Leuchtkraft nehmen wollen. Behutsam arrangiert singen auch Joy Denalane, Reinhard Mey oder Inga Humpe mit viel Seele von Gemütszuständen, die nie etwas bedrückendes haben. Wenn man die ganze CD durchhört, fühlt man sich wie in einem pittoresk gemalten Zeichentrickfilm mit ernsthaftem Inhalt, ein trauriges Märchen, das ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.
Die insgesamt 12 Gedichte werden weiterhin gesungen von Hartmut Engler (Pur), Stefanie Kloß (Silbermond), Volkan Baydar (Orange Blue), Jasmin Tabatabai und Ute Lemper. Da hätte man sich eher Laith Al-Deen, Regy Clasen, Ulla Meinecke oder Dirk Michaelis hier und da für eine stimmungsvoller Symbiose und ein noch höheres Maß an Empathie gewünscht. Einzig Thomas D. von Fanta 4 spricht seine Selma-Zeilen, allerdings grandios mit packender Rhythmik und genau richtig dosierter Dramatik. In allem ein ambitioniertes Werk, das Beachtung verdient.
Im 28 Seiten starken Buch erfährt man natürlich mehr über Selma Meerbaum-Eisinger, das World Quintet und die Gedichte. Nicht nur für bekennende Romantiker!