1924 in Czernowitz: Selma Meerbaum-Eisinger wurde geboren, umgebracht wurde sie 1942 im SS-Arbeitslager Michailowka. Sie hinterließ, gerade mal 18-jährig, etwas weniger als 60 Gedichte. Es sind zarte Texte über ihre aufkeimende Liebe zu einem Freund, aber auch über das Glück, über Trauer und Tod, stets aber im leichten Flügelschlag zwischen Sehnsucht und Hoffnung. Diese Gedichte sind ein Stück Weltliteratur, das die Welt noch nicht recht kennt. Lyrik von ästhetischer Schönheit. So unfassbar, von einer solchen existentiellen Tiefe, dass sie leicht neben der Deutsch-Jüdischen Lyrik von Rose Ausländer, Marie-Luise Kaschnitz, Else Lasker-Schüler, Paul Celan, Nelly Sachs und Hilde Domin bestehen können. Dem Musiker und Bandleader David Klein fällt früh die hohe Musikalität der Texte auf. Er beginnt mit seinen vier Freunden von 'World Quintet' Selmas Gedichte zu vertonen.
Die Schweizer Band (Michael Heitzler, Ariel Zuckermann, Olivier Truan, Daniel Fricker und eben David Klein) spielt seit Mitte der achtziger Jahre osteuropäsche Traditionsmusik und mixt Elemente aus Jazz, Klassik und jüdischem Klezmer. Schnell trägt die Arbeit dieser begnadeten Musiker erfolgreiche Früchte: 'World Quintet' schrieb musikalische Passagen aus dem Oscar-nominierten Drama "Jenseits der Stille" (1996) und komponierte den Soundtrack des Kinofilms 'Gripsholm'" (2000). Kooperationen mit namhaften Symphonieorchestern und z. B. mit Herbert Grönemeyer (2002) runden die musikalische Vielseitigkeit dieser Formation elegant ab.
Das Projekt "Selma" sei "aus Liebe entstanden, und mit Liebe haben wir es produziert und aufgenommen", sagt Klein. Im Laufe der Arbeit ergänzen und formen sich Faszination und Genialität, geben sich letztlich überraschend schnell die Hand. Selten hat ein Album insgesamt musikalische und literarische Ansprüche so vereint wie diese Produktion. Dem 'World Quintet' ist es meisterhaft gelungen, die Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers aus dem mörderischen Braun deutscher Geschichte behutsam musikalisch herauszuheben bzw. im wahrsten Sinne des Wortes zu betonen. Auf der CD "Selma - in Sehnsucht eingehüllt" haben mit ihren unverwechselbaren Stimmen Sänger wie Xavier Naidoo, Ute Lemper, Reinhard Mey, Sarah Connor, Inga Humpe und Hartmut Engler zwölf ungewöhnlich ausdrucksstarke Gedichte der jungen Lyrikerin interpretiert.
Ich kann nur staunend feststellen, mit welcher Selbstverständlichkeit die fünf Musiker die Bilder, Gefühle, Stimmungen oder gar Ahnungen, die die Gedichte der Selma Meerbaum-Eisinger thematisieren, musikalisch greifbar gemacht haben. Selma schreibt in einem Gedicht: "Das ist das Schwerste: sich verschenken und wissen, dass man üerflüssig ist, sich ganz zu geben und zu denken, dass man wie Rauch ins Nichts verfließt." Nein, Selma. Das ist kein Rauch! Eine Flamme ist es. Die Welt würde erfrieren, wenn diese Flamme nicht wäre.
Wir hätten wohl ohne 'World Quintet' Selma Meerbaum-Eisingers Gedichte in dieser äußerst verdienstvollen Breitenwirkung nicht kennengelernt und zugleich mit ihr die Botschaft, die in keinem Geschichtsbuch zu finden ist: Lieben, leben und dabei nie die Hoffnung aufgeben !