Ein sehr langatmiges Buch, das von den 60er Jahren bis in die 90er den Lebensweg der Hauptperson Alexander schildert. Das ganze wechselt von Tagebucheintragungen bis zu der erzählten Geschichte, über die in den Tagebüchern wiederum als Roman geschrieben wird, den unsere Hauptperson schreiben will. Diese Schreibform hat durchaus etwas erfrischendes, weckt das Gefühl, als hätte der Autor hier selbst mitgespielt, und gleichzeitig als wäre dieser Alexander sehr lebendig, ehrlich, wie er da schreibt. Inwiefern sich der Autor hier selbst mit seiner Hauptperson identifizieren kann, interessant wäre es, wenn auch nicht unbedingt wichtig, man stellt sich diese Frage bei diesem Roman jedenfalls leicht aufgrund der Art wie es geschrieben ist.
Inhaltlich wird zum einen das Leben, die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland in genannter Zeitspanne geschildert. Hier erzeugt das Buch eine durchaus gelungene Atmosphäre, allerdings ist der Blickwinkel nicht sehr allgemein gehalten, eher immer aus Sicht der jeweiligen Personen der Handlung, hier natürlich auch aus der der Türken.
Zum anderen werden Gedanken über die Rede, über das Erzählen an sich, über Diskussionen, über politisches Erörtern geformt, treiben durch das ganze Buch dahin, berühren hier und da philosophische Grenzen, um sich schliesslich auch in einfachen Lebensweisheiten wiederzufinden.
Zum dritten wird am Schluss des Romans die Türkei in den Mittelpunkt gerückt. Und die Türken. Hier wird die Atmosphäre gleich noch besser, diesen Schluss habe ich sehr genossen, und gegenwärtig ist die Türkei durch Orhan Pamuk als Literaturnobelpreisträger wieder brandaktuell, und dadurch auch eventuell dieses Buch hier von Sten Nadolny.
Dennoch hat es neben seiner Langatmigkeit auch andere Schwächen. An den im Buch erwähnten Spruch "Man soll eine gute Geschichte nicht durch die Wahrheit verderben" wird sich scheinbar mit Absicht nicht gehalten, was zwar eine gute weil gewagte Idee ist, aber den Leser doch irgendwie ein bisschen enttäuscht zurücklässt. Die Ideen der Hauptperson wandeln sich durch seine launige Art fast zu extrem, zu sehr ein hin und her bei dem man die Richtungen manchmal nicht deutlich ausmachen kann.
Fazit: Trotz kleiner Schwächen ist dieses Buch sehr lesenswert, vor allem für Leute die dieser Generation angehören (ich selbst bin ein zwei Generationen jünger, dennoch war die Atmosphäre auch für mich noch gut fühlbar). Zudem ist wie erwähnt die Türkei ein aktuelles Thema, auch wenn hier die in Deutschland lebenden Türken eher im Mittelpunkt stehen und nicht die Türkei selbst. Eine schöne Beschreibung Istanbuls findet sich dennoch.