Wenn man die wirklich umwerfende bis jetzt zwei Bände umfassende Dylan-Biographie von Paul Williams liest - wo ich mich ähnlich wie bei Greil Marcus oder Georg Seesslen gar nicht mehr traue zu dem jeweiligen Thema überhaupt einen Satz zu schreiben - bleibt u.a. eine Kernaussage hängen, nämlich die, daß er immer gemacht hat, wonach ihm gerade war, auf seinen Platten, in seinen Konzerten etc. - Dylan ist sicherlich zusammen mit Bowie d a s Chamäleon der Popmusik, beide sprachen in diesem Zusammenhang auch oft von dem Aufsetzen der entsprechenden Maske, der grundlegende Unterschied jedoch ist, daß Bowie ein Trendmacher, ein Pulsmesser ist, während bei Dylan Stil und auch Qualität (!) seines Auftretens extrem willkürlich ist. (So war die von Marcus attestierte Übereinstimmung von Dylan und dem kulturellen Wendepunkt im Zeitgeschehen 1965 eher Zufall denn Absicht.)
Bei letzterem bleiben wir mal stehen, denn wenn ich z.B. die latente Feindschaft einiger meiner kulturell eigentlich verläßlich orientierten Freunde betrachte (vor allem der ostdeutschen, die ihm seinen garstigen Auftritt in Weissensee Mitte der 80er einfach nicht verzeihen wollen) -, wird mir immer wieder klar, wie sehr diese gnatzige, zornig-gelangweilte Seite des Meisters aneckt. Vielleicht verständlicherweise. Für seine beiden angeblich - ich bin hier momentan etwas vorsichtig - größten Plattensünden "Selfportrait" (1970) und "Knocked Out Loaded" (1986) gibt es zwei interessante Erklärungen:
"Selfportrait" besteht laut Dylan ausschließlich aus Aufnahmesessions, in denen sich die Musiker warmspielten, bevor sie zu den "richtigen" Songs übergingen. Die Frage, die Williams hieraus verständlicherweise ableitete, ist, wo sind die dann folgenden Aufnahmen geblieben? Er hält es für möglich, und einige rätselhaften Äußerungen Dylans stützen diese Vermutung, daß er eine Menge von großen Songs einer geheimen Schatztruhe gleich zurückhält, und man wie bei Picasso nach seinem Tod seinen Augen nicht trauen wird und einige Kapitel seiner Biographie neu geschrieben werden müssen. Faszinierende Vorstellung, in der Tat. Vor allem, wenn man sich anhört was an nicht verwendeten Outtakes zu den Alben bisher durchgesickert ist: "I'll Keep It With Mine" von 1964 zum Beispiel ist einer der besten Dylan-Songs, der erst auf der Zusammenfassung "Biograph" veröffentlicht wurde. "Knocked Out Loaded" die aus mehreren Jahren einfach zusammengestückelt wurde und grauenhaft haarsträubend ist, ist wahrscheinlich als eine Art Rache an COLUMBIA gedacht, wegen deren mangelnder Unterstützung bei seinem Vorgängeralbum. Das merkwürdige an dieser Platte, daß sich auf ihr einige sehr gute Songs befinden, die aber völlig herzlos hingematscht wurden und daß vor allem keinerlei Zusammenhang zwischen den Songs zu existieren scheint, alles wirkt zutiefst sinnlos. Unter anderen Umständen, z.B. rauh und einfach, mit nur drei Musikern wie bei der "John Wesley Harding" und einem Sänger, der bei der Sache ist und man hätte es wohl zu den besseren Werken zählen können. Ich denke, bei beiden Alben ist es aber auch ein deutliches und beabsichtigtes "Leck mich am Arsch" an sein Publikum, daß er für sein permanentes Schubladendenken oft über einen Kamm scherend verachtete.
Auch das ist teilweise verständlich, denn vor allem von verkappten Dylan-Fans hört man dauernd, warum klingt er nicht mehr wie auf "Blonde On Blonde" und ähnlichen Schwachsinn? Es gibt jedoch - und das finde ich beachtlich und faszinierend - kaum eine Dylanplatte die einer anderen ähnelt. Gerade 1970 nach den Experimenten "John Wesley Harding" und "Nashville Skyline", auf der er so klingt, wie ein verschnupfter Presley, muß er wirklich die Schnauze voll gehabt haben. Vielleicht auch gerade weil jenes Presley-Hawaigitarrenalbum von ihm nicht halb so ambitioniert wie "JWH" eingespielt ist und trotzdem sein größter Verkaufserfolg wurde. Dann sagt er halt, fickt euch und alle Kritiker stürzen sich auf ihn und prophezeien sein Ende. Hier kommt dann auch diese undurchdringbare Dylanmaske ins Spiel und in den Folgejahren zu seinen furchtbarsten Alben kamen dann interessanterweise große Würfe zustande.
PS: Noch etwas zu der erwähnten Vorsicht: Die ganze Welt findet diese zwei Alben Scheiße, der Einzige, der sie meines Wissen verteidigte, war Diederichsen, er schrieb zu "Selfportrait" in einer Kevin Rowland-Kritik, es wäre von "voll von anfänglich unentdeckten Mutigkeiten und Ideen". Ich kenne auch sonst keinen Kritiker, der bei einem "Knocked Out Loaded"-Song (dem Opener, glaub ich) verschwendetes Potential für ein zweites "Maggies Farm" hörte und auch "Brownsville Girl" als Ballade lobte, wäre da nicht die extrem mangelhafte Ausführung. Das sollte einem zumindest den Anlaß für ein nochmaliges, vorurteilfreieres Hören geben. Mag er oft von unerträglicher Intoleranz sein, von Musik versteht er was.