"Wir haben gelernt", betont der Herausgeber Frank Schneider, klinischer Psychiater in Aachen. Das möchten wir gerne glauben.
Es hat allerdings Jahrzehnte gedauert, bis sich die etablierte deutsche Psychiatrie dazu überwinden konnte, die Schreckensbilanz aus der Heilanstalt Eglfing-Haar während der Nazizeit zur Kenntnis zu nehmen. Der Neurologe und Psychiater Gerhardt Schmidt übernahm im Juni 1945 die undankbare Aufgabe einer Bestandsaufnahme der verbrecherischen Vorgänge in Eglfing-Haar: hundertfacher Mord an hilfebedürftigen Patienten und Kindern, tödliche "Behandlungen". Heraus kam ein "unerwünschtes Buch", das niemand haben, geschweige denn lesen wollte. Es wurde erst 20 Jahre später gedruckt, 1983 als Neudruck und nunmehr 2012 mit ergänzenden Texten von einem Wissenschaftsverlag herausgegeben.
Der Text des Autors Schmidt bemüht sich spürbar um Neutralität und emotionale Zurückhaltung bei der Schilderung der vorgefundenen Abscheulichkeiten. So oft wie möglich lässt er die Überlebenden aus der Hölle von Haar selbst zu Wort kommen. Aus seinem Bericht wird auch deutlich, wie eine solche Tötungsmaschinerie inszeniert wird, wie sie funktioniert und wie die Verbrechen anschließend vertuscht werden können (z. B. mit Hilfe ärztlicher Kunst). In puncto Rassenwahn, "Gnadentod" und "Euthanasie" arbeiten alle zusammen: Staat, Justiz, Kommunen, wissenschaftliche Institutionen, Ämter, Polizei, Schwestern, Pfleger und Ärzte. Tatsächlich endeten nur wenige Täter am Strang und wie anderswo auch gelang es manchen, sich mit Lug und Trug in Amt und Würden zurückzulügen. Wer wollte im Nachkriegsdeutschland von Psychiatrieopfern oder gar deren Entschädigung hören?
Die vorliegende Neuausgabe hat diesem Buch gut getan. Neben dem Basistext finden sich noch weitere kürzere und zusammenfassende Texte desselben Autors, ein Nachruf sowie ein Vorwort des Herausgebers und ein Geleitwort des Philosophen Karl Jaspers.
Dieses Buch ist ein Lehrstück zum Artikel 1 Grundgesetz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wer sich darüber hinwegsetzt und mordet, traumatisiert sich selbst und wird fortan in der Hölle seiner Alpträume weiterleben müssen.
Ich wünschte mir, es hätte sich hier ein Kollege aus der Psychiatrie zu diesem Buch geäußert. Gesunder Menschenverstand und ein gesundes Misstrauen gegenüber Ärzten und Psychiatern im besonderen ist grundsätzlich ratsam. Man muss auch heute oft Widerstand leisten und unbequeme Fragen stellen, um das Recht auf Menschenwürde in der Psychiatrie durchzusetzen. Da sollte man sich nichts vormachen.