Neue Zürcher Zeitung
Fatale Sorge ums Selbst
mim. Zu den gewöhnliches Verstehen am tiefsten verstörenden Befunden der Freudschen Psychoanalyse gehört gewiss die Einsicht in die unterschwellige Verflechtung zwischen Eros und Thanatos, Lebens- und Todestrieb. Dass es sich bei diesen Urphänomenen des Psychischen nicht um voneinander separierte Kräfte handelt, dass sie auf diffizile Weise miteinander vermittelt sind, lässt sich gerade im Bezug auf die je eigene Person beobachten. So jedenfalls lautet die These, die die Beiträger des angezeigten Sammelbandes eint. Die Neigung, sich selbst bis hin zum Suizid Schaden zuzufügen, stehe der fürsorglichen Bemühung ums Selbst nicht bloss gegenüber. Selbstzerstörung kann ebenso «zum Ausdruck der Selbstfürsorge» werden, wie umgekehrt diese sich «radikalisieren» und «in eine destruktive Qualität» umzuschlagen vermag. Dass die vielschichtige, komplexe Korrespondenz beider Momente in theoretischen wie praktisch-klinischen Kontexten thematisch wird und nur interdisziplinär verhandelt werden kann, liegt auf der Hand. Der von Joachim Küchenhoff herausgegebene Band behandelt sein Sujet folglich ebenso unter psychiatrisch-psychologischen wie philosophischen, theologischen und soziologischen bis hin zu juridischen und gar literaturwissenschaftlichen Perspektiven.
Kurzbeschreibung
In Psychiatrie und Psychotherapie werden Selbstverletzungen immer wichtiger. Sie sind aber nicht nur Selbstzerstörung, sondern auch Akte der Selbstfürsorge. Zwischen Selbstzerstörung und Selbstfürsorge besteht ein Spannungsverhältnis. Um es verstehen zu lernen, müssen gesellschaftliche Faktoren, Rechtsnormen, historische, theologische und philosophische Analysen, ja auch die Literaturwissenschaft herangezogen werden. Das Buch vermittelt einen interdisziplinären Zugang zum Thema. Über den Autor: Joachim Küchenhoff, Prof. Dr. med., ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker, Leitender Arzt für Psychotherapie und Psychohygiene an der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel und Professor für Psychiatrie an der Universität Basel.