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Selbstporträt mit Turban
 
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Selbstporträt mit Turban [Taschenbuch]

Harry Mulisch , Ira Wilhelm
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: rororo; Auflage: 2 (1. Oktober 1997)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499138875
  • ISBN-13: 978-3499138874
  • Größe und/oder Gewicht: 19,4 x 11,4 x 1,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Harry Mulisch
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Zeit, die zum Stein geworden ist

Harry Mulischs «Selbstporträt mit Turban»

Von Angelika Overath

Der Verlag hätte zwei, vielleicht drei plausible Möglichkeiten gehabt, Harry Mulischs «kubistisches Selbstporträt» zu präsentieren; er entschied sich für eine vierte. Von «einem ganz neuen, persönlichen Ton» des Autors war im Pressetext die Rede, «diesmal» erzähle der Verfasser des Erfolgsromans «Die Entdeckung des Himmels» «von niemand anders als sich selbst». Abgesehen von der fragwürdigen Grammatik ist der Satz inhaltlich irreführend. «Diesmal» ist nämlich: damals; der «neue» Ton ist ein halbes Menschenleben alt. «Selbstporträt mit Turban» ist bereits 1961 in Amsterdam erschienen, und Thema des Buches ist neben der Person des Autors immer die dominante Figur des Vaters. Dann gibt es noch eine wunderbare Mama, die erst den Vater und nach dem Krieg – die Grossmutter war von den Nationalsozialisten vergast worden – auch Amsterdam verlässt, um nach Amerika auszuwandern; und es gibt König Ödipus in vielerlei Gestalt.

Der Sohn H. K. V. Mulisch gewinnt erst Züge in dem Masse, als der Vater K. V. K. Mulisch im Text Konturen erhält. Mit des Vaters Begehren nach Zigaretten – Symbol der Erotik wie auch der Todessehnsucht in guter Thomas-Mann-Tradition – beginnt der Roman; mit des Vaters Tod endet er (und der Sohn inhaliert am Sterbebett dann zum erstenmal dessen Rauchwaren: Lucky Strike). «Dass sein Tod so etwas sei wie ich», raisonniert er, und wir verstehen, dass dieser Tod die Initialzündung für das Buch gewesen sein muss: «denn seit meines Vaters Tod ist jeder Tag durch seine Abwesenheit zu einem Heute geworden».

«Heute» aber ist für Mulisch kristallisierte Zeit, Zeit, die zum «Stein» geworden ist, geglückte «Paarung» eines intensiven vergangenen Augenblicks mit dem Augenblick der Aufzeichnung selbst. Im Schreiben erst gewinnt der, der schreibt, sein Leben zurück und als ein artistisch geformtes «absolutes Leben» neu. Das Buch ist so in Doppelkapitel aufgebaut, ein erinnertes Heute wird begleitet von einer essayistischen Reflexion.

Das absolute Leben

Die Erinnerungsszenen heissen «Erstes Heute (1930)», «Zweites Heute (1936)», «Drittes Heute (1938)» und so fort; die Essays heissen «Das absolute Leben», «Ein beliebiger Satz», «Die Gestalt der Technik» und anders. Am Ende mündet die erzählte Zeit in die Zeit der Erzählung: «Neuntes Heute für alle Zeit (1960)». Harry Mulisch ist heute älter, als sein Vater damals geworden ist.

Warum kündigt der Verlag dieses Buch nicht an als das, was es ganz offensichtlich ist: das klassische autobiographische Jugendwerk des 1927 geborenen Autors mit den klassischen Stärken und Schwächen genialisch-stürmerischer Produktivität. Etwas in der Art der Künstlerproblematik des «Werther», keine «Dichtung und Wahrheit». Das wäre die erste Möglichkeit gewesen. Die zweite hätte in einer kommentierten Edition bestanden. Schon bei Beginn der Niederschrift 1958 war Harry Mulisch in den Niederlanden kein unbekannter Autor mehr. In «Selbstporträt mit Turban» geht er immer wieder auf seine bereits gedruckten Bücher ein. Dem niederländischen Publikum müssen sie damals präsent gewesen sein, für heutige Leser wären Anmerkungen sinnvoll. – Gerne würden wir auch mehr über «Bram Vingerling» erfahren, eine Schlüsselfigur aus einem Kinderbuch des neunjährigen Harry. «Zum hundertsten Male lese ich die ersten Kapitel von ‹Das wundersame Verschwinden des Bram Vingerling.» Die Abenteuer, die Bram als Unsichtbarer erlebt, interessieren ihn dabei weniger als die Art des Verschwindens selbst, seine substantielle Verwandlung, in der er später seinen eigenen dichterischen «Auftrag», die alchemistischen Möglichkeiten der Poesie, erkennt: «Ich bin nicht der oder der und gebe darüber Auskunft: Erst in diesen Zeilen erstehe ich, und nur in diesen Zeilen bin ich, nirgendwo anders. Ich äussere mich nicht, ich verinnerliche mich. Schreiben ist für mich eine empirische Wissenschaft, die sich selbst zum Gegenstand hat. Nur so kann der Auftrag des Trismegistus alias Vingerling, unsichtbar zu werden, erfüllt werden. Es ist ein Unsichtbarwerden in dem absoluten Leben des Geschriebenen.»

«Nichts-das-der-Mensch-ist»

Eine kommentierte Ausgabe hätte die zeitliche Distanz zwischen der Entstehung des Originals und dem Erscheinen der deutschen Übersetzung von Ira Wilhelm zugegeben und damit überbrücken können. Denn viele der theoretischen Passagen sind 1995 vor allem als Dokumente des philosophischen Zeitgeistes der 50er Jahre lesbar. «Diese Wirklichkeit, diese Existenz, diese Maske des Nichts-das-der-Mensch-ist, entstammt der Existenz der anderen.» In der Kommentierung hätte eine Fundgrube und Freude für Mulisch-Philologen liegen können.

Und die Mulisch-Schmökerer, die Süchtigen, die wahren Leser? Ihnen zuliebe hätte vielleicht einfach gestrichen werden dürfen. Die Struktur der Doppelkapitel erweist sich im nachhinein als Strickleiter, die vielleicht ebensogut eingezogen werden könnte. (Mulisch beherrscht das free climbing.) Denn während in den Heute-Kapiteln oft eine wunderbare situative Frische lebt (die Armada der deutschen Messerschmitt-Flugzeuge über Harlem als eine böse Wiederkehr der Fliegen aus dem kindlichen Versuchslabor, das lakonisch-zärtliche Abschiedsgespräch zwischen Mutter und Sohn, der letzte leerblaue Augenaufschlag des Vaters oder nur einzelne Epiphanien des Kindes, das um seine Auserwähltheit weiss), haben manche theoretischen Strecken Patina angesetzt, und es wäre einen Versuch wert gewesen, sie der schlichten Lesbarkeit halber zumindest teilweise zu kürzen (ihre Qualität ist sehr unterschiedlich).

Was als Leseeindruck aber immer bleibt, sind Erinnerungsbilder grosser Intensität und Dichte, die in nuce das ganze Schauspiel, den grossen Roman, das konkreteste und zugleich unendliche Dasein einzuschliessen scheinen: «Und 1930 nimmt K. V. K. das blaueste, das duftendste Ding, einen langen Löffel aus Glas, und gibt mir, wie auch 1931 und 1929 und in alle Ewigkeit, einen Löffel voll goldenem Licht, voll goldenem Honig.» -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung

Indem er von sich selbst erzählt, hat Harry Mulisch den Entwicklungsroman eines Kindes, eines Heranwachsenden, eines jungen Mannes geschrieben. Er legt damit Rechenschaft ab von unserem Jahrhundert und von seinem eigenen Werdegang zugleich. Eine Geschichte aus Momentaufnahmen, die jener unabschließbaren Reihe von Selbstbildnissen gleichen, mit denen ein Rembrandt sich lebenslang vor dem Spiegel befragte - denn der interessanteste Roman ist doch immer das eigene Leben. "Ich betrachte meinen Lebenslauf als einen Quell der Einsicht, einen fons vitae, und so sollte jeder zu seiner Vergangenheit stehen." (Harry Mulisch)

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Format:Gebundene Ausgabe
Dieses Buch bietet interessante Einblicke in Mulischs Kindheit und Jugend. Man erfährt sehr viel über das Verhältnis zu seinen Eltern und auch speziell über das zu sich und seiner Herkunft selbst. Mulisch mal anders - nicht selbstgerecht und überheblich, wie er sich sonst oft gibt, sondern nüchtern und trocken: ein Tatsachenbericht. Mir hat sein "Selbstporträt" dabei geholfen, auch seine anderen Werke besser zu verstehen. Beeindruckend fand ich die Parallelen zu den Charakteren in "Die Entdeckung des Himmels". Meiner Meinung nach ist es ein absolutes Muß für alle Mulisch-Leser!
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