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Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie
 
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Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie [Gebundene Ausgabe]

Chalmers Johnson , Mihr VerlagsService
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Chalmers Johnson bleibt sich auch mit seinem neuen Buch treu. Seit vielen Jahren gehört der emeritierte Politikprofessor von der University of California nicht nur zu den scharfsichtigsten, sondern auch zu den scharfzüngigsten Beobachtern der amerikanischen Politik. Anders als viele, die erst jetzt erkennen, in welch kritischer Verfassung sich die politische Kultur in den USA befindet, mahnt Johnson schon seit Jahren vor ernsthaften Schäden an der Statik des amerikanischen Staatswesens.

In Ein Imperium verfällt war der Autor sogar so weit gegangen, in der von ihm diagnostizierten skrupellosen Überdehnung des amerikanischen Imperiums die Gefahr seines Untergangs zu beschwören. In Der Selbstmord der Demokratie zeigt Johnson, weshalb die Politik der Regierung von George W. Bush diese Entwicklung zusehends beschleunigt, auch wenn sie seiner Ansicht nach lediglich Traditionen fortschreibe, die amerikanisches Regierungshandeln schon immer bestimmt hätten.

Wie ernst Johnson die Lage der amerikanischen Demokratie beurteilt, macht das Zitat deutlich, das er dem titelgebenden Schlusskapitel vorangestellt hat und das der Autor Hannah Arendts Klassiker der Totalitarismusliteratur Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft entnommen hat: "Wenngleich die Tyrannis, da sie nicht der Zustimmung bedarf, erfolgreich fremde Völker zu beherrschen vermag, kann sie sich nur an der Macht halten, wenn sie zuerst die nationalen Institutionen ihres eigenen Volkes zerstört."

Das ist starker Tobak. Doch in der Tat präsentieren sich die demokratischen Institutionen in Amerika, um es schmeichelhaft auszudrücken, nicht in bester Verfassung. Nicht zuletzt die Ermächtigungen, die die beiden Kammern des Parlaments George W. Bush in der Woche vom 03. bis 10. Oktober 2002 eingeräumt haben, belegen dies: Sie erlaubten es dem Präsidenten unter anderem, "in einem Präventivschlag gegen den Irak alle Mittel einzusetzen, auch Nuklearwaffen, wann immer er -- und nur er allein -- es für angemessen und erforderlich hielt. Es gab keine Debatte. Die Parlamentarier waren zu eingeschüchtert, um über das Thema zu diskutieren." Eingeschüchtert von der Freund-Feind-Rhetorik, mit der die Bush-Regierung zuvor lautstark jeden, der sich den von der Regierung geforderten Maßnahmen widersetzte, zum Staatsfeind stempelte.

Statt eine parlamentarische Debatte zu führen, die dem Ernst der Lage angemessen gewesen wäre, ging man in der Sitzung, in dem der Senat dieser Ermächtigung zum gegebenenfalls totalen Krieg mit 77 zu 23 Stimmen seinen Segen gab, schnell zur Tagesordnung über. Es gab Lobreden auf einen Verein junger Bauern und ein Referat über die Geschichte der kalifornischen Stadt Mountain. Der Militärwissenschaftler Winslow T. Wheeler hat aus diesen Vorgängen das Resümee gezogen, nach dieser blamablen Vorstellung schulde das Volk diesen Volksvertretern höchstens noch "die Fahrkarte für eine Reise auf den Müllhaufen der Geschichte". Starker Tobak fürwahr. Aber so unbegründet, wie man es gerne hätte, sind die Ausfälle von Wheeler und Johnson leider nicht! --Andreas Vierecke

Kurzbeschreibung

Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Vereinigten Staaten zur Kolonialmacht: Sie okkupierten Guam, Hawaii, die Philippinen, Puerto Rico. Durch den "Erwerb" dieser strategisch wichtigen Stützpunkte schafften sie sich weltweit einen geopolitischen wie militärischen Einfluss, der noch wuchs, als nach dem Ende des 2. Weltkriegs zwei Blöcke entstanden. Nun saßen die USA in Westeuropa, in Japan, in Südkorea, kontrollierten wichtige Wirtschaftszweige, drückten fremden Regierungen ihren Stempel auf. Beklemmend ist die militärische Präsenz der Amerikaner: In 139 Staaten haben sie 211000 Soldaten stationiert, 26000 Soldaten tun Dienst auf Schlachtschiffen auf allen Weltmeeren. Und keine Regierung der betroffenen Länder kann über diese befreundete Besatzungsmacht Kontrolle ausüben. So wurde in den vergangenen Jahrzehnten aus einem Land, das als Wiege der Demokratie gilt, ein Imperium, das mit wachsendem Einfluss seine demokratischen Grundwerte und Überzeugungen über Bord warf. Der Autor überzieht diese Politik, die zynisch die Überlegenheit der Supermacht betont, mit harter Kritik. Die Verachtung der "Bush-Krieger" für die UNO, ihr Widerstand gegen das Kyoto-Protokoll, die Ablehnung des Internationalen Strafgerichtshofs sind Beweise für ihre pervertierte Haltung zu den Grundwerten der amerikanischen Verfassung.

Klappentext

Pressestimmen zu "Ein Imperium verfällt":

"Er hat, aus patriotischer Sorge, ein spannend zu lesendes Buch vorgelegt, nicht unpolemisch, aber mit viel Mut zu sehr unbequemen Wahrheiten."
Klaus Bölling in "Transatlantik"

"Johnsons Buch ist eine Anklageschrift. Es ist spannend, faktenreich, an einigen Stellen ideologisch überzeichnet."
Die Welt

Über den Autor

Chalmers Johnson, 1931 in Phoenix/Arizona geboren, lehrte von 1962 bis 1992 Politikwissenschaft an der University of California in Berkeley und San Diego und war Berater der CIA. Heute ist er Präsident des »Japan Policy Research Institute«. Chalmers Johnson lebt in Cardiff, Kalifornien.

Auszug aus Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie von Chalmers Johnson, Mihr VerlagsService. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Alter und neuer Imperialismus

»Wie war der Name des Flusses, den Julius Cäsar überschritt? Hieß er nicht Rubikon? Gestern könnte Mr. Bush genau diesen Fluss überschritten haben.«
Robert Fisk, Nahost-Korrespondent des Londoner Independent, in einem Bericht über die Vereinten Nationen, 13. September 2002.

Die heutigen amerikanischen Führer vergleichen sich gerne mit den imperialen Römern, auch wenn sie nicht allzu viel über römische Geschichte wissen. Der interessanteste Aspekt der Geschichte Roms für die Vereinigten Staaten sollte die Verwandlung der Römischen Republik in ein Imperium sein. Bei diesem Prozess wurde das Wahlsystem für die beiden Konsuln (die Leiter der Exekutive) zerstört, der römische Senat entmachtet und den Volksversammlungen und legislativen comitia ein Ende gesetzt, die das Herzstück des politischen Lebens in der Republik gebildet hatten. Am Ende des Prozesses stand eine dauerhafte Militärdiktatur.
Wie die Vereinigten Staaten hatte auch die Römische Republik durch militärische Eroberungen nach und nach ein Imperium erworben. Um 100 v. Chr. beherrschte Rom ganz Gallien, den größten Teil Iberiens, die Küste Nordafrikas, Griechenland, den Balkan und Teile Kleinasiens. »Es gibt kein historisches Gesetz«, merkte der kanadische Autor Manuel Miles dazu an, »nach dem es einer Republik verboten wäre, ein Imperium zu besitzen. Allerdings weisen imperiale Republiken eine Neigung zu Staatsstreichen und der Ausbildung von Autokratien auf, und zwar insbesondere, wenn sie ein bestimmtes Wachstumsstadium erreicht haben. Eben dieser Prozess lässt sich derzeit in den USA beobachten - wie die ersten römischen Kaiser entscheidet der amerikanische Präsident, wann und wo Krieg geführt wird, während der Senat ganz wie sein Vorbild zu Zeiten Cäsars und Oktavians die imperialen Abenteuer des Präsidenten absegnet und die dafür nötigen Mittel erhebt.«
Wie der US-Kongress erfüllte der römische Senat zwei Jahrhunderte lang die ihm zugedachte Aufgabe. Doch um 100 v. Chr. übertrafen das Imperium und die Armeen, die zu seiner Aufrechterhaltung erforderlich waren, die Kapazitäten des Senats und der Konsuln. Im Jahr 49 v. Chr. verletzte Julius Cäsar das Gesetz Roms, als er seine Truppen über einen kleinen Fluss in Norditalien namens Rubikon führte und das Land in einen Bürgerkrieg zwischen den »Imperatoren«, den Feldherren der römischen Armeen, stürzte. Nach der Schlacht bei Actium im Jahre 31 v. Chr. stieg Oktavian zum mächtigsten Feldherrn auf und wurde als Diktator eingesetzt, um den Bürgerkrieg der Armeen zu beenden. Vier Jahre später trat der Senat den Großteil seiner Machtbefugnisse an Oktavian ab und verlieh ihm den Namen Augustus, unter dem er als erster Kaiser Roms von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr. herrschte. Der Senat war innerhalb von ein paar Jahrzehnten auf über 1000 Mitglieder angewachsen. Er war wenig mehr als ein Debattierverein der alten aristokratischen Familien und Militärs. Rom herrschte, nicht unähnlich den USA heute, über die gesamte bekannte Welt mit Ausnahme Chinas, doch in dem Prozess wurde die Demokratie durch eine Diktatur ersetzt und zuletzt wurde Rom von der Welt voller Feinde, die es erschaffen hatte, vernichtet. Bis zum Ende gaben die römischen Legionen vor, für »den Senat und das römische Volk« zu kämpfen und marschierten unter Bannern mit den lateinischen Initialen SPQR (Senatus Populusque Romanus). Doch die Tage, als der Senat noch Gewicht hatte, lagen lange zurück, das Imperium war längst zum Selbstzweck geworden.
Nicht alle Bürger Roms sahen der Auflösung der Republik und ihrem Verlust an demokratischen Rechten stillschweigend zu. In Shakespeares berühmter Darstellung der Ereignisse fragt der Bürger Cassius Brutus: »Mit welcher Speise nährt der Cäsar sich, dass er so groß ward?« In gewissem Sinne ist Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie der ausführliche Versuch, diese Frage im Kontext des amerikanischen Imperiums zu beantworten. Doch lassen Sie mich zur Einführung nur eine - durch falschen Stolz und Selbstverherrlichung vergiftete - Behauptung erwähnen, an der sich die heutigen Imperialisten gemästet haben. Die Rede ist hier von der gefährlich irreführenden Annahme, die Vereinigten Staaten hätten den Zusammenbruch der Sowjetunion bewirkt und demnach den Kalten Krieg »gewonnen«. Die Denkweise, die hinter diesem Trugschluss steht, liefert uns Hinweise darauf, warum die USA sozusagen auf den Spuren des antiken Rom auf den aller Wahrscheinlichkeit nach verderblichen Pfad des Militarismus und Imperialismus eingeschwenkt sind.
Unter amerikanischen »Triumphalisten«, begeisterten Ronald-Reagan-Fans und alten Starwars-Enthusiasten hält sich der Mythos, Präsident Reagan habe mit seiner Unterstützung für die »Strategic Defense Initiative« (SDI) - ein niemals fertig gestelltes und technisch gar nicht realisierbares, weitgehend weltraumgestütztes Abwehrsystem gegen Interkontinentalraketen - ein ruinöses Wettrüsten ausgelöst, das der Sowjetunion schlussendlich den Todesstoß versetzt hätte. Die amerikanischen Triumphalisten verkünden, Reagans »Krieg der Sterne«-Fantasien hätten, wiewohl zu jedem Zeitpunkt Lichtjahre von einem funktionierenden System entfernt, die Sowjetunion in ein Wettrüsten gezwungen, das ihr wirtschaftlich das Kreuz gebrochen haben soll. Mit seiner »Reich des Bösen«-Rede, seiner Unterstützung für die antisowjetischen Guerillakrieger in Afghanistan und der illegalen Hilfe für die Konterrevolutionäre (»Contras«) gegen die gewählte Regierung Nicaraguas habe er - so ihr Argument - ein Klima erzeugt, in dem SDI die Entscheidung gebracht habe. So kommt trotz nahezu ausnahmslos falscher Bewertungen und irreführender Ratschläge über die Stärken und Probleme der Sowjetunion Robert Gates, CIA-Direktor unter George Bush senior, in seinen Memoiren zu folgendem Schluss: »Meiner Auffassung nach war es das - durch SDI symbolisierte - allgemeine Wiedererstarken des Westens, das selbst einige konservative Mitglieder der sowjetischen Führung von der Notwendigkeit umfangreicher innerer Reformen überzeugte. Nachdem diese Entscheidung einmal getroffen war, bereitete sie die dramatischen Ereignisse vor, die sich innerhalb weniger Jahre in der Sowjetunion abspielen sollten.«
Doch laut Aussagen des langjährigen sowjetischen Botschafters in Washington, Anatolij Dobrynin, kam der russische Präsident Gorbatschow bereits im Februar 1986 zu dem Schluss, dass die »Vereinigten Staaten auf unsere Entschlossenheit spekulieren, ein ähnlich kostspieliges System [wie SDI] zu bauen und dabei darauf setzen, dass sie diesen Wettlauf mit Hilfe ihrer technologischen Überlegenheit für sich entscheiden werden. Doch unsere Wissenschaftler sagen mir, dass wir nur 10 Prozent dessen ausgeben müssten, was die Amerikaner zu investieren planen, um das amerikanische SDI-System zu zerstören oder neutralisieren.« Unter Gorbatschows wissenschaftlichen Beratern war keiner wichtiger als Andreij Sacharow, der an der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe mitgearbeitet hatte und 1975 für seine mutige Kritik an den Menschenrechtsverstößen in der Sowjetunion mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war.
Am 23. Dezember 1986 beendete Gorbatschow die Verbannung Sacharows und seiner Frau Jelena Bonner, zu der sie das Politbüro wegen ihrer Kritik an der sowjetischen Invasion in Afghanistan verurteilt hatte. Sie durften die Stadt Gorki wieder verlassen. Die Rehabilitierung Sacharows war eine von Gorbatschows ersten und wichtigsten Maßnahmen im Rahmen seiner Politik der Glasnost (Offenheit), die zuletzt zur Auflösung des Sowjetsystems führte. Doch auch Gorbatschows Wunsch, Sacharow als Berater zum Thema SDI zu gewinnen, spielte bei der Entscheidung eine Rolle. Die Analyse, die Sacharow im Februar 1987 in mehreren Geheimtreffen in Moskau erstellte, war unmissverständlich: »Ein SDI-System kann gegen einen gut bewaffneten Gegner niemals militärisch wirksam sein. Es wäre eine Art Maginot-Linie im Weltall: sehr kostspielig und sehr anfällig für Gegenmaßnahmen. Da SDI so leicht zu überwinden ist, taugt es weder als ein Instrument zur Verteidigung der Bevölkerung, noch als Schild, durch dessen Schutz man einen Erstschlag führen könnte. Wahrscheinlich spekulierten die SDI-Befürworter in den Vereinigten Staaten lediglich darauf, durch ein beschleunigtes Wettrüsten die Sowjetwirtschaft zu ruinieren. Wenn dem so war, dann haben sie sich geirrt, da die Entwicklung von Gegenmaßnahmen nicht teuer sein würde.«
Statt die Ausgaben für neue Waffen zu erhöhen, waren die Sowjets dabei, ihre Rüstungsausgaben zurückzufahren. Mitte der 1980er Jahre deuteten neue CIA-Schätzungen der sowjetischen Rüstungsausgaben darauf hin, dass sie seit Jahren nur um magere 1,3 Prozent pro Jahr gestiegen waren, und nicht, wie zuvor an den US-Präsidenten berichtet, um 4 bis 5 Prozent. Die Ausgaben für strategische Angriffswaffen waren laut CIA-Angaben sogar um 40 Prozent zurückgegangen. Da diese Zahlen dem damaligen Verteidigungsminister Caspar Weinberger nicht ins ideologische Konzept passten, schickte er sie an die CIA zurück, dessen Direktor Gates das CIA-Büro für Sowjetanalysen (SOVA) anwies, Weinberger ein Memo zu schicken, das die wirtschaftliche Stärke der Sowjetunion betonte.
In Wahrheit erkannten die amerikanischen Nachrichtendienste die sich in der Sowjetunion anbahnende Krise nicht und waren nicht in der Lage, den Politikern in Washington eine zutreffende Bewertung der Reformen zu liefern, die Michail Gorbatschow nach seinem Amtsantritt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion am 11. März 1985 initiierte. Am 19. August 1991 wurde die Sowjetunion durch einen internen Staatsstreich aufgelöst, der die Folge eines schleichenden Legitimitätsverlusts der Sowjetherrschaft war, den Gorbatschow selbst in Gang gesetzt hatte. Die Vereinigten Staaten hatten damit wenig oder nichts zu tun.
Während Gorbatschow noch damit beschäftigt war, die Perestroika (wirtschaftliche Neuordnung im Inneren) und Glasnost (das Ende der staatlichen Geheimwirtschaft und die Freilassung politischer Gefangener) umzusetzen, machte in der Nacht des 9. November 1989 ein Ereignis der Welt unmissverständlich klar, wie weit der Reformprozess vorangeschritten war: Der Fall der Berliner Mauer. Auch hier waren nicht die Amerikaner, sondern andere, in diesem Fall die Deutschen, die handelnden Akteure. Hans-Hermann Hertle konstatierte in einer vom Deutschen Bundestag in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Untersuchung einen der, wie er es formulierte, »größten Vaterschaftsprozesse aller Zeiten«: »Nach einem Geheimabkommen mit Bonn, öffneten sie (die Ungarn) am 10. September (1989) die Grenze nach Österreich für DDR-Bürger. Im Gegenzug gewährte die Bundesrepublik Ungarn einen Kredit in Höhe von 500 Millionen D-Mark und verpflichtete sich, die Kosten zu übernehmen, die Ungarn aus möglichen Vergeltungsmaßnahmen der DDR entstehen würden. In den darauf folgenden Tagen und Wochen reisten zehntausende Ostdeutsche über Österreich in die Bundesrepublik ein. Die DDR erlebte die größte Ausreisewelle seit dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961. Dieser Massenexodus demonstrierte die Schwäche der SED-Führung in dieser Frage und unterhöhlte die Autorität des Regimes in einem bis dahin nie erlebten Maße.«
Imperien geben ihr Reich nicht kampflos auf, so lautet ein Standardsatz in der Lehre von den Internationalen Beziehungen. Die UdSSR waren eine der seltenen Ausnahmen von dieser Regel. Angetrieben von Gorbatschows Idealismus und dem Wunsch anderer Angehöriger der Sowjetelite, ein Mitglied des, wie sie es nannten, »gemeinsamen europäischen Hauses« zu werden und internationale Anerkennung als ein »normaler« Staat zu gewinnen, glaubten einige russische Reformer mit einer Annäherung an Westeuropa Russland helfen zu können, den ins Stocken geratenen Modernisierungsprozess wieder anzukurbeln. »In gewissen Momenten«, beobachtete der russische Historiker Wladislaw Zubok, »waren die politischen Beziehungen der Sowjetunion zu Frankreich und Westdeutschland wichtiger und auf einer persönlichen Ebene vielleicht auch herzlicher, als die zu einigen Mitgliedern des Warschauer Pakts.« Ähnlich, wie es der Chef der Kommunistischen Partei Ungarns Imre Nagy während des antisowjetischen Aufstands in Budapest 1956 und der Generalsekretär der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei Alexander Dubcek 1968 während des Prager Frühlings getan hatten, hatte Gorbatschow sich gegen die von Stalin überkommene, imperial-revolutionäre Ideologie der Sowjetunion gewandt. Für den Preis der Wiederbelebung der darnieder liegenden Sowjetwirtschaft gab er bereitwillig das sowjetische Imperium in Osteuropa auf.
Die amerikanische Führung verfügte weder über die Informationen noch die Vorstellungskraft, um die Vorgänge zu erfassen. Völlig im Banne des wissenschaftlichen »Realismus« verschlief sie eine der wichtigsten Entwicklungen der modernen Geschichte und zog daraus fast durchweg falsche Schlussfolgerungen. Das ging so weit, dass der US-Botschafter in Moskau noch einige Zeit nach dem Fall der Berliner Mauer die Ansicht äußerte, die Sowjetunion müsse zur Aufrechterhaltung der regionalen »Stabilität« in Osteuropa militärisch intervenieren.
Obwohl der Kalte Krieg in Europa faktisch zu Ende war, beschlossen die US-Regierung und das amerikanische Militär, die ebenso virulenten Kalten Kriege in Ostasien und Lateinamerika weiterzuführen. Anstelle der Sowjetunion mussten nun die »chinesische Bedrohung«, Fidel Castro, Drogenbarone, »Instabilität« und, in jüngerer Zeit, Terrorismus, Massenvernichtungswaffen und die »Achse des Bösen« - Iran, Irak und Nordkorea - als neue Feinde herhalten. Gleichzeitig taten die Vereinigten Staaten ihr Möglichstes, um auch ohne die Bedrohung durch die Sowjetunion die Strukturen und Allianzen aus der Zeit des Kalten Krieges zu erhalten, die NATO nach Osteuropa auszuweiten und mit ihrer Hilfe das ehemals kommunistische Serbien anzugreifen. Das Pentagon seinerseits forderte, die Militärausgaben praktisch auf dem Niveau des Kalten Krieges zu halten und machte sich auf der Suche nach einer neuen, langfristigen Begründung für seine globalen Aktivitäten.
So lange Washington auch brauchte, bis es wirklich begriffen hatte, was da in der Sowjetunion vor sich ging - noch im März 1989 warnten hochrangige Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrats vor den Gefahren der »Gorbimanie« und davor, die »Schwäche der Sowjetunion zu überschätzen« -, so bemerkenswert schnell handelte die amerikanische Führung, um sicherzustellen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion keine negativen Auswirkungen auf das Budget des Pentagon oder die »strategische Position« der USA in einer Welt hatte, die sie im Namen des Antikommunismus mit Garnisonen überzogen hatte. Die Berliner Mauer war kaum gefallen und die Sowjetunion befand sich noch im Prozess ihrer Auflösung, da startete Pentagon-Chef Dick Cheney schon eine Kampagne zur Verteidigung der Militärausgaben. Im Januar 1990 schrieb der Militärkorrespondent der New York Times Michael Gordon in einem Bericht über den neuen Verteidigungshaushalt: »Cheney und mit ihm Präsident (George H.W.) Bush sind der Ansicht, dass die Vereinigten Staaten auch weiterhin eine starke Marine (und Interventionstruppen im Allgemeinen) benötigen, um mit Buschfeuer-Konflikten und Bedrohungen der amerikanischen Interessen in Regionen wie Lateinamerika und Asien umgehen zu können.« Zwei Monate später präsentierte das Weiße Haus dem Kongress eine neue Nationale Sicherheitsstrategie, in der die Dritte Welt als ein wahrscheinlicher neuer Konfliktherd genannt wurde: »In einem neuen Zeitalter sehen wir voraus, dass unsere militärische Macht ein essentieller Bestandteil der weltweiten Machtbalance bleiben wird, wenn auch auf andere Weise und weniger bedeutsam. Wir erkennen, dass der Einsatz unserer militärischen Kräfte weniger im Zusammenhang mit der Sowjetunion und viel eher mit der Dritten Welt erforderlich sein wird und damit in einem Bereich, der neue Fähigkeiten und neue Ansätze erforderlich machen könnte.« An dieser Stelle sollte darauf hingewiesen werden, dass das Pentagon und das Weiße Haus diese militärischen Pläne lange vor dem irakischen Überfall auf Kuwait und die darauf folgende Krise präsentierten, die zum ersten Golfkrieg von 1991 führte.
Laut der Nationalen Sicherheitsstrategie von 1990 mussten die Vereinten Nationen in Zukunft auch »unsere vorwärts stationierten Einheiten verstärken oder militärische Einsatzmöglichkeiten für Gebiete ausbauen, in denen wir über keine permanente Präsenz verfügen«, und zwar aufgrund »der Abhängigkeit der freien Welt von den Energieressourcen in dieser Schlüsselregion« insbesondere im Nahen Osten. Weiter sollten die Vereinigten Staaten sich auf »Konflikte niedriger Intensität«, darunter »nachrangige Gefahren wie Terrorismus, subversive Aktivitäten, Aufstände und den Drogenhandel« vorbereiten, die »neuartige Gefahren für die Vereinigten Staaten, ihre Bürger und ihre Interessen darstellen.

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