1978 starben 913 Mitglieder der Sekte "People's Temple" in einer Mischung aus Massenselbstmord und -mord, darunter 276 Kinder. Deborah Layton konnte rechtzeitig fliehen. Zwanzig Jahre später schrieb sie den Roman "Selbstmord im Paradies", der -- so liest man am Ende -- ihrer Tochter erklären soll, wie sie in die Sache hineingezogen wurde.
Deborah ist im Gegensatz zu ihren älteren Geschwistern ein Teenager, vor dem sich alle Eltern fürchten: aufsässig, streitsüchtig, eine Lügnerin, die sogar in der Schule Heroin und andere Drogen nimmt. Die überforderten Eltern schicken sie mit fünfzehn von den USA auf ein Internat nach England. In den Ferien besucht sie ihren Bruder Larry in der Vereinigung "People's Temple Christian Church of the Disciples of Christ", die sich außerdem sozialistisch nennt und den Atomkrieg wie einen angeblich von den weißen US-Amerikaner geplanten Holocaust an Menschen anderer Hautfarbe verhindern will. Vor allem beeindruckt Deborah aber das Charisma und die Liebe und das Verständnis, mit dem Sektengründer Reverend, "Father" Jim Jones sie umwirbt. Jones behauptet gar, Jesus' Nachfahre zu sein. Sie macht in England noch den dem mittleren Schulabschluss, bevor sie ab 1969 in der Gemeinschaft lebt. Ihr Alltag wird strukturiert durch harte Arbeit, und sie sieht in den sozialen Aufgaben der Sekte zum ersten mal einen Sinn in ihrem Leben. Mark, ihr Freund vom Internat, folgt ihr in die Sekte, wird mit ihr verheiratet, wird aber an einem anderen Ort eingesetzt, so dass die Ehe niemals vollzogen wird. Sexuelle Beziehungen sind allgemein verboten, es sei denn, sie gehen von Jim aus, der allein die Erleuchtung besäße, Sex zum Wohl der Menschen einzusetzen. Zum Zuckerbrot gehört hier wörtlich die Peitsche, und Jones zerstört mit Gewalt, Sex, Intrigen, Spionage bis hin zu Mord die gesellschaftlichen Wurzeln der Mitglieder. Gleichzeitig knüpft er wichtige Verbindungen zu Politik und Wirtschaft und lässt die Mitglieder mit Briefen und Telefonaten Behörden und Medien manipulieren.
Deborah steigt gleichzeitig in der Hierarchie auf und wird bei geringsten Verdacht von Verrat in einer Weise psychisch gedemütigt, die jede Vorstellung übertrifft. Das Argumentationsmuster ist immer das Gleiche: Illegale Mittel heiligen den Zweck, die Wege des Führers sind unergründlich, sie zu beurteilen ist den anderen wegen ihrer Fehlbarkeit unmöglich. Jones zieht Deborahs Familie mit in die Sekte -- bis auf ihren Vater, worauf die Ehe der Eltern scheitert. 1977 beginnt der CIA aufgrund von Berichten ehemaliger Mitglieder verstärkt zu ermitteln, die Sekte siedelt in die große Farm "Jonestown" im Dschungel von Guayana über. 1978 reist der US-Kongressabgeordnete Leo J. Ryan mit Journalisten und Angehörigen vermisster Sektenmitglieder nach Jonestown und wird auf dem Rückweg erschossen. Jones zwingt in seiner Paranoia die Mitglieder bereits dazu, den Massenselbstmord zu üben. Für Deborah Anlass, die Flucht zu versuchen, als sie mit anderen in die Hauptstadt geschickt wird, um Teenagern, die ihren Eltern entrissen wurden, den Behörden paradiesische Zustände vorlügen zu lassen. Die Flucht gelingt trotz kaum glaublichen Dilettantismus des amerikanischen Konsulats. Zurück in den USA lebt Deborah in dem Konflikt, endlich ein normales Leben führen und andererseits den Massenselbstmord verhindern zu wollen. Der subtile Psychoterror der Sekte holt sie immer wieder ein, während Medien und Politik ihre Berichte nicht ernst nehmen.
Die zwanzig Jahre nach den Ereignissen haben Deborah Layton die nötige erzählerische Distanz gegeben. Dabei ist der Roman eindringlich, beklemmend und gut erzählt. Nach ein paar Längen im Mittelteil wird es im letzten Drittel so spannend, dass man bei den endlos ausgedehnten Fluchtproblemen aggressiv würde, wüsste man nicht, dass die Geschichte authentisch ist und sein soll. Dabei könnten die Figuren etwas anschaulicher gezeichnet sein. Wer einmal in die psychologischen Abgründe einer Sekte eintauchen will, dem sei "Selbstmord im Paradies" insgesamt wärmstens empfohlen.