Der Stellenwert, den die Arbeit an der eigenen Person bekommen hat, gehört zu den Eigentümlichkeiten unseres Kulturkreises. Jedenfalls ist Selbstmanagement dort kein Thema, wo man unter Arbeit vor allem Tätigkeiten für das tägliche Überleben versteht. Irgendwie ist die Situation paradox. Einerseits soll uns die Selbstmanagement-Philosophie zu einem glücklicheren Leben verhelfen, anderseits konfrontiert sie uns dauernd mit unseren Schwächen und unerreichbaren Idealen. Kommt hinzu, dass die Wirksamkeit von Selbstmanagement-Programmen zunehmend in Zweifel gezogen wird, seit sich die Neurowissenschaftler in die Methoden der Verhaltenstherapeuten einmischen, die den Begriff Selbstmanagement ins Spiel brachten. Dass viele Trainings keine dauerhafte Verhaltensänderung bewirken, entging auch dem Autor dieses Buches nicht. Die Begründung von Horst Müller lautet: "Da das in der grauen Theorie erlernte Neue kaum die Schwelle des bewussten Denkens überschreitet, wird im Alltag nach dem Seminar wieder auf die alten automatisierten Prozesse zurückgegriffen." Dem kann ich selbstverständlich nur zustimmen. Doch im Gegensatz zu Horst Müller und seinen Berufskollegen bin ich der Meinung, dass auch solche Bücher wenig Wirkung zeigen. Da kann man sich natürlich fragen, warum sie trotzdem auf meinem Schreibtisch liegen. Die Antwort ist einfach: Ich suche nach Varianten, die auf dem Glauben basieren, menschliches Verhalten werde primär vom Unbewussten gesteuert und könne daher nur mit Methoden verändert werden, die das Rationale umgehen.
Das Trainingsprogramm von Horst Müller unterscheidet sich nur in Details von bekannten Methoden. Auch er geht davon aus, dass sich der Leser seines Buches selber entdecken kann, wenn er Fragen beantwortet. Aber weil solche Tests und Übungen über das Bewusstsein gehen, sind die Resultate in der Regel kümmerlich. Und wie seine Trainerkollegen unterscheidet auch Horst Müller nicht, welche Persönlichkeitseigenschaften so stabil sind, dass Einsichten und gutes Zureden nicht daran rütteln können. Und so kommt es, dass von solchen Trainingsprogrammen vor allem Menschen profitieren, die ohnehin schon über eine hohe Selbstdisziplinierung verfügen. Das belegen inzwischen auch zahlreiche Langzeitstudien.
Und? Soll und kann ich dieses preisgünstige Trainingsprogramm für besseres Selbstmanagement empfehlen, obwohl ich einer anderen Glaubensgemeinschaft angehöre? Jein. Empfehlen kann ich es allen, die an solche Trainingsprogramme glauben, nicht allzu viel Geld ausgeben möchten, die Disziplin für Übungen aufbringen und an Mind Mapping interessiert sind. Auf der beigelegten CD-ROM finden sich nebst einigen Tests und Übungen auch Anleitungen zum Erstellen von MindMaps. Eher vom Kauf abraten möchte ich den Skeptikern und Undisziplinierten. Denn auch wenn Horst Müller das anders sieht, werden sich deren Verhaltensmuster kaum ändern.
Mein Fazit: Was auch in anderen Büchern zum Thema Selbstmanagement steht, finden wir hier in kompakter Form und zu einem attraktiven Preis wieder. Die Formel "Nützt es nichts, schadet es wenigstens nicht" trifft nur bedingt zu. Denn der Leser wird mit Idealen konfrontiert, die bereits vorhandene Selbstzweifel zusätzlich nähren können, wenn die erhofften Persönlichkeitsveränderungen ausbleiben Die Bewertung ist in solchen Fällen nicht einfach. Trotz meiner Vorbehalte gebe ich vier Sterne, weil der Autor ein bekanntes Konzept kompakt vermittelt und das Budget seiner Leser nicht unnötig strapaziert.