Als Aurelius Augustin im Jahre 354 im nordafrikanischen Thagaste geboren wurde, ahnte noch niemand, dass er ein halbes Jahrhundert später als Bischof von Hippo die Geschicke der nordafrikanischen Kirche lenken sollte. Er, der aus einfachen Verhältnissen stammte, revolutionierte die Römisch-Katholische Kirche mit seinen Disputationen und Schriften.
Talentiert und ehrgeizig lernte er in frühen Jahren die Redekunst. Cicero weckte seine Liebe zur Philosophie; Platon und Plotin erweiterten sein Bewusstsein. Ihnen eiferte er stilistisch und gedanklich in seinen frühen Schriften nach. Seine Mutter Monnica hingegen lenkte sein Interesse auf den christlichen Glauben. Ihr verdankt er die Öffnung seines Herzens zu Gott.
Im Herbst des Jahres 386 durchlebte Augustinus eine seelische Krise. Berufliche Anerkennung und Reichtum konnten seine Sehnsucht nach Erkenntnis nicht stillen. Seine nicht eheliche Beziehung, aus der ein Sohn stammte, gab er unter dem Druck seiner Mutter auf. Geist und Verstand suchten nach rationalen Erklärungen auf die Fragen: Was kann ich wissen, worauf darf ich hoffen, woran soll ich glauben? Herz und Gefühl spürten, dass der ciceronische Stoizismus nur unzureichende Antworten gab.
Augustinus zog sich auf das Landgut eines Freundes zurück. Tagelang diskutierte er mit Freunden und Verwandten oder versank in eigene Gedanken. In dieser Zeit entstanden die fruchtbaren Ideen zu den Werken ,Über das Glück' und ,Selbstgespräche'. Der Neuplatonismus zeigte Augustinus einen Weg aus seiner Sinnkrise. In den ,Selbstgesprächen' (Soliloquia) hält er Zwiesprache mit seiner Vernunft und hofft so, Gott und die Seele zu erkennen und "Was für mich ein Gutes oder ein Übel sei".
Im Gebet, zu dem ihm die Vernunft rät, bittet er Gott um Hilfe und preist die Größe des Schöpfers: "Gott, Gründer des Weltalls, schenke mir als erstes, dass mein Gebet recht sei; darauf, dass ich mich deiner Erhörung würdig erweise; endlich, dass du mich erlösest ... Gott zu dem uns der Glaube treibt, die Hoffnung erhebt, die Liebe hinführt ... o du einziger Gott, komm du mir zu Hilfe ... Lass mich, Vater, dich suchen, befreie mich vom Irrtum; wenn ich dich suche ...".
Schnell wird Augustinus klar, dass sich die "erkennbare Majestät Gottes und die wahren und sicheren Anschaunisse der Wissenschaft" voneinander unterscheiden. Die Sinne trügen, auch wenn er sich sicher ist, dass er ist und dass er denkt - Descartes wird diese Gedanken wieder aufgreifen. Wie ist es aber dann möglich, Gott zu erkennen, wenn die Sinne trügen? Die Vernunft zeigt ihm einen inneren Weg, Gott zu schauen: "Der Geist hat nämlich sozusagen auch seine Augen: im Empfindungsvermögen der Seele ... das Sehvermögen der Seele ist die Vernunft".
Um Gott zu schauen, muss der Verstand rein, die Seele gesund sein und Glaube, Liebe, Hoffnung - wie so oft im christlichen Glauben spielt die Trinität eine große Rolle - müssen hinzutreten. Ungeduldig drängt Augustinus die Vernunft zur Eile an, doch der Tag neigt sich zum Ende und der Schüler nimmt die Gedanken des Tages mit ins Nachtlager.
Den nächsten Tag beginnt Augustinus wiederum mit einem kurzen Gebet: "Du immer gleicher Gott, mich möchte ich, dich möchte ich erkennen". Dieser Tag soll die Frage beantworten, ob die Seele sterblich ist und "fortgeht wie das Licht", weil sie "außerhalb keinen Bestand hat und demnach jeder Tod ein Erlöschen der Seele und des Lebens im Körpers darstellt" oder ob die Seele ewig lebt und nach dem Tode "an einen anderen Ort hinübergeführt werde ... wo sie nicht verlöschen kann".
Seinen Beweis baut Augustinus auf der Wahrheit auf. Für unbestreitbar hält er die Erkenntnis, dass die geometrischen Figuren und die Logik eine immerwährende Wahrheit darstellen. Wahrheit kann nicht zugrunde gehen, denn "woher sollte etwas nach dem Untergang der Wahrheit wahr sein, wenn es keine Wahrheit mehr gibt". Wenn aber die Wissenschaften wahr und unvergänglich sind und ferner im Subjekt verankert sind (wie z.B. die Vorstellung eines idealen Kreises), dann "ist es notwendig, dass auch das Subjekt dauernden Bestand hat ... Notwendig hat also die Seele dauernden Bestand".
Da die Täuschung das Gegenteil der Wahrheit darstellt, hat auch die Täuschung ewig Bestand: "Täuschung, sagtest du, sei ohne Wahrnehmung nicht möglich, existieren aber müsse sie: folglich gibt es immer Wahrnehmung. Doch keine Wahrnehmung ohne Seele: die Seele ist also ewig". Offenkundige Täuschungen rechnet Augustinus der Sprachlehre zu und steht damit in Einklang mit Ludwig Wittgenstein.
Der Band ,Selbstgespräche' aus der Tusculum Reihe des Artemis Verlages beinhaltet auch die kleine Schrift ,Von der Unsterblichkeit der Seele'. In der Einführung bezeichnet Hanspeter Müller das Werk als Gedächtnisstütze und Skizzen, die Augustinus nutzen wollte, um die Schlussrede für die offenkundig unvollständig gebliebenen ,Selbstgespräche' vorzubereiten. "In der dürrsten und trockensten Sprache geschrieben geben sie wirklich nur das Gerüst der Gedankenfolge und entbehren jeglichen Schmucks".
Aus dem Gegensatz von Sein und Nichtsein konstruiert Augustinus einen weiteren Beweis für die Unsterblichkeit der Seele. Wenn aus dem Nichts kein Sein entstehen kann, dann muss "was nicht erschaffen oder entstanden ist und doch besteht ... notwendigerweise ewig sein ... Wenn die Seele von diesem Sein (d.h. Gott) her ihre Eigenschaft ,zu sein' hat (denn sie, die es doch nicht aus sich selbst hat, kann es von nichts anderem her haben als von jenem Wesen, das vorzüglicher ist, als die Seele selbst), gibt es nichts, durch das sie diese Eigenschaft verlöre ...".
Fazit: Die Soliloquien zählen zu den Glanzschriften Augstinus und der römischen Kirche. Sie atmen den Geist der antiken Philosophie aus, zeigen darüber hinaus einen ,modernen' Menschen, der um Erkenntnis ringt, aber um die Begrenztheit rationaler Einsicht weiß und deshalb dem Glauben einen festen Stellenwert im Leben einräumt. Stärker als in den verklärten Spätwerken des Kirchenvaters wird die Nähe zum wirklichen Leben spürbar und daher hat das Werk auch nach so langer Zeit nichts von seiner Kraft eingebüßt, auch wenn man seinen Schlüssen nicht immer folgt. Bedauerlicherweise wird Augustinus in der Römisch-Katholischen Kirche sehr verehrt, aber viel zu selten gelesen.