Im Jahr vor seinem Tod erschienen, ist dieses Buch das Vermächtnis von Rudolf Dreikurs: Ein Werk, das hilft, die Konflikte unserer Zeit besser zu verstehen und eine Lösungsperspektive zu erkennen. Nicht einfach zu erschließen, aber sehr lesenswert.
Was hat den Verlag bloß geritten, den treffenden Originaltitel "Soziale Gleichwertigkeit - Die Herausforderung unserer Zeit" in die ebenso banale wie irreführende Überschrift "Selbstbewusst - die Psychologie eines Lebensgefühls" zu ändern? Wer das Buch kauft, um etwas für sein Selbstbewusstsein zu tun, kann sich einer Enttäuschung sicher sein, denn darauf geht es allenfalls indirekt ein, und leicht umsetzbare praktische Tipps hierzu gibt es erst recht nicht. Doch auch wenn das gar nicht mein Anliegen war, habe ich mir mit dem Buch ungewöhnlich schwer getan. Monatelang habe ich es in meiner Aktentasche durch die Gegend getragen, immer wieder einzelne Abschnitte gelesen, zuweilen sehr angesprochen, zuweilen eher ratlos. Wäre es nicht das letzte Werk von Rudolf Dreikurs, eines Individualpsychologen der zweiten Generation, der die Gedanken von Alfred Adler (1870 - 1937) kongenial weiterentwickelt hat, hätte ich es wohl längst zur Seite gelegt. Erst beim zweiten Lesen wurde mir klar, dass es sich nicht nur um ein bedeutendes Werk der Individualpsychologie handelt, sondern wohl um ein Schlüsselwerk zum Verständnis unserer Epoche.
Der Psychiater und Pädagoge Rudolf Dreikurs - 1897 in Wien geboren, vor den Nazis in die USA geflüchtet und 1972 in Chicago gestorben - war Schüler Alfred Adlers und trug wesentlich dazu bei, Adlers Individualpsychologie in den USA und in Israel zu verbreiten. Sein Buch, in die Zeit der Studentenrevolte und der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung hineingeschrieben, widmet sich der Frage: Wie können Eltern und Kinder, Männer und Frauen, Lehrer und Schüler, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Schwarze und Weiße und generell die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen zu einem neuen Verhältnis finden? Wie können sie es schaffen, sich aus ihren verbissenen Machtkämpfen zu lösen und zu einer Kooperation zu finden, die von einem respektvollen Miteinander statt von einem entwertenden Kleinkrieg geprägt ist? Und was können die Erkenntnisse der Individualpsychologie hierzu beitragen?
Dreikurs' programmatische Antwort ist in dem ursprünglichen Titel prägnant zusammengefasst: "Soziale Gleichwertigkeit - die Herausforderung unserer Zeit". Seine zentrale These ist, dass es in einer demokratisch gewordenen Gesellschaft nicht mehr möglich ist, autoritär zu erziehen oder autoritär zu führen. Es ist schlicht die Legitimation dafür verloren gegangen, private wie gesellschaftliche Beziehungen auf Über- und Unterordnung aufzubauen: Das wird von denen, denen früher jeweils die untergeordnete Position zugewiesen wurde, ganz einfach nicht mehr akzeptiert; sie lehnen sich dagegen auf. Der Versuch, dennoch die alte (Über-)Ordnung wiederherzustellen, führt laut Dreikurs unweigerlich dazu, dass sich sowohl Individuen wie gesellschaftliche Gruppen in ebenso unproduktiven wie aufreibenden Machtkämpfen verstricken: Machtkämpfe zwischen Ehepartnern, zwischen Frauen und Männern, Eltern und Kindern, Schülern und Lehrern, Vorgesetzten und Mitarbeitern, Gewerkschaften und Arbeitgebern, aber auch zwischen ganzen Völkern.