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4.0 von 5 Sternen
Ein eigenwilliger Kämpfer für die deutsche Einheit, 27. Juni 2006
Wolfgang Seiffert, geboren 1926 in Breslau, hat ein von den Brüchen und Gegensätzen des 20.Jahrhunderts gekennzeichnetes Leben zurückgelegt. Daß er darob nie der Neigung zur Melancholie erlag, belegen seine Memoiren. Katholisch erzogen, bewahrte er Sinn für Ironie, ob bei Heimabenden des HJ-Jungvolks oder später beim Skatspiel mit Honecker im FDJ-Freizeitheim am Döllnsee.
Als 18jähriger kriegsfreiwilliger Marinesoldat gehörte Seiffert zu den zehn Überlebenden einer Abiturientenkompanie an der Ostfront. Kriegserlebnisse und Antifa-Schulung überzeugten ihn in sowjetischer Kriegsgefangenschaft an der Wolga von der kommunistischen Weltsicht. Nach der Entlassung kämpfte er als hoher Funktionär der 1951 illegalisierten westdeutschen FDJ für "deutsche Einheit und Freiheit" gegen die als "spalterisch" befundene Westintegration der Regierung Adenauer. Vom Bundesgerichtshof zu vier Jahren verurteilt, flüchtete er im Januar 1956 aus dem Gefängnis in den anderen deutschen Staat.
In der DDR als Friedenskämpfer und Patriot gefeiert, machte er nach Jurastudium an der Humboldt-Universität an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam-Babelsberg als Wirtschafts- und Völkerrechtler Karriere. Als Weggenossen treten im Buch nahezu alle Führungsfiguren der DDR auf: Walter Ulbricht, Erich Honecker, Margot Feist, Werner Lamberz, der vom Antifa-Kursanten zum Verteidigungsminister avancierte Heinz Kessler u.a. An Ulbricht ("ein Stalinist mit Format") schätzte Seiffert die patriotische Ader sowie das wirtschaftliche Reformkonzept NÖSPL. Honeckers Abkehr vom Ziel der Wiedervereinigung kritisierte er als "Staatsstreich", nicht nur als Preisgabe der alten FDJ-Ideale.
Trotz derlei Dissonanz konnte Seiffert samt Familie auf höchsten Ratschluß im Februar 1978 ausreisen, um Vorlesungen in Kiel zu halten. In die Bundesrepublik zurückgekehrt, machte er als unermüdlicher Streiter für deutsche Einheit die Erfahrung, "wie anational in diesem Lande bis in die Spitzen der politischen Elite hinein gedacht wurde". Als Jurist und Patriot widersetzte er sich der Tendenz, die Teilung durch Preisgabe des (gesamt-)deutschen Staatsangehörigkeitsrechts zu verewigen. 1982 wirkte er an Wolfgang Venohrs aufsehenerregendem Band "Die deutsche Einheit kommt bestimmt" mit. In dem Werk "Das ganze Deutschland" (1986) erklärte Seiffert alle deutschen Fragen für offen.
Seine patriotische Zuversicht gründete auf langjährigen Kontakten zu russischen Kollegen im Umfeld der Macht, allen voran der Historiker Daschitschew. Die These, daß man den Schlüssel zur deutschen Einheit nur abzuholen brauchte, fand beim Staatsbesuch Weizsäckers in Moskau auf frappierende Weise Bestätigung. Gromyko, zu Beginn der Ära Gorbatschow noch Außenminister, erklärte dem Bundespräsidenten ohne Umschweife: "Wir können einen neuen Rapallo-Vertrag machen." Daß es bis zuletzt Gegenspieler gab, weiß auch Seiffert: Noch 1989 stieß das von deutschen Wirtschaftsleuten mit 500 Milliarden DM untermauerte Einheitskonzept bei Valentin Falin auf "kalte Ablehnung". Bei westdeutschen Politikern wie Weizsäcker und Graf Lambsdorff fanden Seifferts Thesen verhaltene Zustimmung. Helmut Kohl, der erst nach dem Mauerfall auf den Zug zur Einheit aufsprang, zählte nicht dazu.
Von 1994 an lehrte Seiffert deutsches Recht in Moskau. Über ein Rechtsgutachten zu Spielbanken in St. Petersburg machte er die Bekanntschaft des jungen Wladimir Putin. Das trug Früchte: Anno 2000 veröffentlichte er eine Putin-Biographie. Kenner der Materie zählen ihn zum Beraterkreis des russischen Präsidenten. Am Ende seiner Autobiographie zieht Seiffert mit dem Dichter Jessenin Bilanz: "Mein Leben? [...] ich glaube ich habe das alles nur geträumt."
Memoiren gelten in der Historikerzunft als unterhaltsame Lektüre, weniger als einschlägiges Geschichtswerk. Seifferts Biographie bietet beides: Anekdoten mit begrenztem Aussagewert - Hilde Benjamin bedankt sich für Seifferts rote Rosen - und prägnante Analysen, z.B. über Aufstieg und Niedergang der "Oligarchen" unter Jelzin und Putin. Dank Fußnotenapparat, Personenregister und Dokumententeil lässt sich das Buch für wissenschaftliche Zwecke nutzen. Aus der Feder eines heimatvertriebenen Schlesiers enthält es, bezugnehmend auf Herbert Czajas Kritik an der Grenzregelung im Gefolge des 2+4-Vertrages, provokante Thesen. Das Selbstbestimmungsrecht für Deutsche und Polen sei "nicht angewendet" worden. Nicht zuletzt dadurch, daß es an mancher Stelle zum Nachfragen nötigt, bildet das Buch ein wichtiges Dokument zur Zeitgeschichte.
Herbert Ammon
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