Wenn jemand deutlich anderer Meinung als die Mehrheit ist, kann man sich trotzdem in Ruhe und sorgfältig mit seinen Ansichten auseinander setzen. Depenheuer gebührt Anerkennung dafür, dass er eine im Diskurs dieses Landes bisher tabuisierte Denkschule zum Umgang mit dem islamistischen Terrorismus vertritt und deren Argumente dezidiert zur Geltung bringt. Die Auseinandersetzung über den richtigen Kurs in dieser Frage ist wichtig und man sollte Gesichtspunkte von allen Seiten sammeln und prüfen.
In der Sache stimme ich ihm allerdings nicht zu. Depenheuers These ist kurzgefasst, dass wir bestimmte Verfassungsgrundsätze in der Bekämpfung des Terrorismus zur Disposition stellen sollten. Es stört ihn, dass auch der -' potentielle -' Massenmörder den Schutz der Grundrechte genießt bzw. dass sich der Staat durch die Beachtung des "Normalrechts" selbst die Möglichkeiten eines effektiven Vorgehens gegen den Terrorismus nimmt. In Extremfällen soll daher die Exekutive selbständig Verfassungsbestimmungen außer Kraft setzen können. Immer noch gebannt durch die Bilder von 9/11 scheint Depenheuer hierbei vor allem an den Abschuss von Passagiermaschinen zu denken, aber in der Realität käme da vom Folterverbot bis zur Verschiebung von Wahlen bis auf weiteres wohl einiges in Betracht.
Depenheuers Argumentation leidet allerdings unter zwei gravierenden Versäumnissen. Zum einen begründet er nicht, warum der islamistische Terrorismus überhaupt eine existentielle Bedrohung für unser Gemeinwesen darstellt, er behauptet es bloß unablässig. Mit einer sachlichen Begründung würde er sich natürlich angreifbar machen, also belässt er es bei einem durchgängigen Tonfall apodiktischer Hysterie. Das aber ist für Thesen mit dieser Reichweite zu wenig. Bevor die Verfassung außer Kraft gesetzt werden soll, würde man es schon gerne etwas genauer wissen. Der bloße body count kann es jedenfalls nicht sein (und welches andere Kriterium haben wir eigentlich?). Da scheinen andere Probleme vom Alkoholmissbrauch bis zum Klimawandel weitaus bedeutender.
Mir scheint, was Depenheuer einfach ungeheuerlich findet, ist dass Terroristen Staat und Gesellschaft angreifen. Vor allem der Staat aber ist etwas Besonderes, den darf man nicht einfach angreifen, dagegen muss man mit aller Härte vorgehen. Unterhalb seiner ganzen Aufgeregtheit verbirgt sich vielleicht nichts weiter als die klassische konservative Einstellung, dass der Staat einen Wert und eine Weihe an sich hat, die mit aller Gewalt verteidigt werden müssen.
Das zweite Versäumnis ist vielleicht noch erstaunlicher. Die USA haben in ihrem 'Krieg gegen den Terrorismus' (auch Depenheuer liebt übrigens die martialische Rhetorik) die meisten der in diesem Buch empfohlenen Rezepte längst angewandt, und zwar mit verheerenden Ergebnissen, nicht zuletzt in der Bekämpfung des Terrorismus selbst. Depenheuer geht darauf mit keiner Silbe ein. Sein Buch ist vollkommen empiriefrei. Er kann also nicht nur die angeblich existentielle Bedrohung unseres Gemeinwesens nicht nachweisen, er weigert sich zusätzlich, die angebliche Wirksamkeit der von ihm dezidiert eingeforderten Rezepte zu erhärten. Vermutlich, weil auf Basis der inzwischen reichlich vorhandenen Erfahrungen von seiner Argumentation nicht mehr viel übrig bleiben würde.
So bleibt am Ende von Depenheuers Ausführungen nur ein im Grunde vorrationaler Wunsch nach mehr Härte, nach Durchgreifen, nach drastischen Maßnahmen übrig. Das aber '- bei allem Respekt - ist nicht mehr politischer Diskurs oder Wissenschaft, es ist Stammtisch.